BRENNPUNKT SEELSORGE


IM GARTEN DES LEBENS - Grundprinzipien der Seelsorge

1. Hören.

2. Begleiten.

3. Verstehen.

4. Bekennen.

IM GARTEN DES LEBENS - Die Praxis

1. Kranke besuchen.

2. Leid standhalten.

3. Den Lebenssinn erschließen.

4. Schuld bewältigen.

5.  Den Tod enträtseln.

Das erste und allerwichtigste Grundprinzip der Seelsorge ist Zuhören. Aber was bedeutet es, einem Menschen in guter Weise zuzuhören? Was kennzeichnet ein gutes und was ein weniger gutes Zuhören? Welche Hindernisse können ein gutes Zuhören beeinträchtigen? Und welche inneren Fehlhaltungen blockieren es?

 

Reden wir über das Hören.

Da sitzt ein Ratsuchender in meinem Zimmer. Er hat mich um ein Gespräch gebeten. Nun ergibt sich sofort eine Schwierigkeit: Mein Arbeitstag ist gut gefüllt. Ich weiß, dass ich in 90 Minuten einen weiteren Termin habe. Meine Zeit ist also begrenzt. Ich muss die Zeit im Auge behalten. Eines aber geht gar nicht: Dass ich zwischendurch mit einer raschen Bewegung auf meine Armbanduhr schaue. Ratsuchende bemerken den raschen Blick auf die Armbanduhr sofort. Die Wirkung: Sie verschließen sich. „Müssen Sie bald weg?“, fragen sie vielleicht. Vielleicht sagen sie auch nichts, haben aber den Eindruck, dass ich irgendwie in Eile bin. Schlechte Voraussetzungen für ein seelsorgerliches Gespräch.

Meine Lösung für dieses Problem: Ich habe an zwei Stellen in meinem Zimmer zwei Tischuhren platziert, von denen ich immer eine sehen kann. So kann ich die Zeit im Auge behalten, ohne auf die Armbanduhr zu schauen.

„Wie kann ich Ihnen helfen?“, frage ich. Oder: „Was kann ich heute für Sie tun?“ Oder: „Worüber sollen wir heute sprechen?“ Oder: „Irgendetwas quält Sie. Was ist es? Können Sie darüber reden?“ So oder so ähnlich eröffne ich das Gespräch. Und dann beginnt das Hören.

Und dann beginnt mein Gegenüber zu sprechen. Es ist für mich, als beträte ich unbekanntes Land, einen weißen Flecken auf der Landkarte. Ein Mensch öffnet mir sein Leben, und ich muss lernen, mich in diesem Leben zurecht zu finden. Das braucht auf alle Fälle eines: Zeit! Viel Zeit!

Wie ist das, wenn ein Ratsuchender mir vorsichtig Stück um Stück sein Leben und seine Not offenbart?  Es ist wie das Zusammensetzen eines großen Mosaiks oder eines Puzzles mit 10. 000 Teilen.

Dazu kommt, dass die Informationen, die ich höre, in aller Regel ungeordnet präsentiert werden. Der Ratsuchende nähert sich oft in langen Schleifen oder auf Umwegen seinem eigentlichen Thema. Er schaltet vielleicht auch Rückblicke auf weiter zurückliegende Phasen seines Lebens ein. Er schweift vielleicht auch unabsichtlich ab und verliert sich in weniger wichtigen Details. Er gibt mir Mosaiksteinchen seines Lebens. Und ich stehe vor der Aufgabe, die zugrunde liegende Ordnung (das System) unter all den Mosaiksteinchen zu erkennen und herauszufinden, was wohin gehört. Aber das ist alles andere als einfach! Es prasseln viele, viele kleine Informationen auf mich ein, die ich unmöglich alle sofort richtig einordnen kann, denn ich habe ja noch keinen Überblick über das große Ganze! Eine schwierige Situation!

Manchmal berichtet mein Gegenüber von Dingen, die haarsträubend falsch gelaufen sind. Dann bin ich versucht, sofort einzugreifen und auf diesen oder jenen haarsträubenden Fehler hinzuweisen. Das kann ich natürlich tun, aber damit unterbreche ich mein Gegenüber in dem, was er mir eigentlich  sagen will. Ich halte ihn an Dingen fest, die ihm momentan vielleicht gar nicht so wichtig sind, obwohl sie vielleicht wirklich haarsträubend falsch waren.

Also diszipliniere ich mich und höre zu. Ich merke mir im Hinterkopf die betreffenden Dinge, um sie in einem späteren Gespräch ansprechen zu können.

Oft ist es auch so, dass der Ratsuchende umständlich erzählt. Das lässt mich nach einer Weile ungeduldig werden. Aber ich hüte mich, meine Ungeduld zu zeigen. Das würde mein Gegenüber sofort verunsichern und verschließen. Also höre ich weiter zu und mache mir klar, wie verletzt ich selber wäre, wenn ein Seelsorger mir  mit Ungeduld begegnen würde.

Zuweilen höre ich auch Dinge, die mir zunächst nur mäßig interessant zu sein scheinen oder mich schlicht langweilen. Dann höre ich bewusst noch genauer zu und mache mir klar, dass ich überhaupt nicht wissen kann, welche Details im Laufe des Gesprächs noch wichtig werden können.

Ich gebe dem anderen Raum in meiner Seele und höre und höre und höre. Manchmal frage ich nach, wenn ich etwas nicht verstehe. Aber ich kommentiere in aller Regel nicht.  Ich versuche, mich im Leben des anderen zurechtzufinden und damit vertraut zu werden. Und das geht nur, wenn ich höre und höre und höre. Und so diene ich ihm.

Quelle:  pixabay
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Lassen Sie mich dafür ein Bild gebrauchen: Das Leben eines Ratsuchenden ist für mich wie ein großer, unbekannter Garten. In diesem Garten gibt es Wege, Bäume und Sträucher. Es gibt verfilztes Unterholz, gepflegte Beete, aber auch von Unkraut überwucherte Stellen. Es gibt einen Wasserweiher, einen Platz für Gartenmöbel, einen Geräteschuppen, weite Wiesen, eine Wasserpumpe und ein Gewächshaus. Stück für Stück lerne ich nun diesen großen Garten kennen. Mit der Zeit finde ich heraus, wo welche Bäume stehen, welche Sträucher sich in welchem Abschnitt des Gartens befinden, wo Pumpe, Gewächshaus und Geräteschuppen platziert sind, wo das Unterholz sich ausbreitet, wo die Rosenbeete sind und welche Gartenwege wohin führen. Auch den Wasserweiher entdecke ich irgendwann. Ich kann nicht  den ganzen Garten sofort überblicken. Ich muss mich von meinem Gegenüber an die Hand nehmen und mich durch den Garten führen lassen. So lerne ich alles Stück für Stück kennen und werde allmählich mit dem Garten vertraut.  Aber das geht nur, wenn ich meinem Gegenüber die Zeit gebe, mir in Ruhe alles zu zeigen. Greife ich zu früh lenkend in das Gespräch ein, werde ich die volle Größe und vielleicht sehr wichtige Teile des Gartens nie kennen lernen. Und weil das so ist, ermuntere ich mein Gegenüber zu sprechen. Und ich höre. Ich leiste den Dienst des Hörens.

 

Aus Erfahrung weiß ich, dass es nur wenige Menschen gibt, die bereit sind länger zuzuhören. Die allermeisten Menschen sind eher daran interessiert, selbst zu reden, als einem anderen zuzuhören. Aus Erfahrung weiß ich aber auch, wie schön es ist, wenn mir jemand gespannt und konzentriert über längere Zeit hinweg zuhört und mich nicht unterbricht. Ich fühle mich dann angenommen und irgendwie wertvoll. Konzentriertes Zuhören öffnet also die Herzen. Und das ist für jedes seelsorgerliche Gespräch grundlegend wichtig.

Hören ist also ein Dienst, und zwar ein sehr wertvoller Dienst! Man kann diesen Dienst nur dann tun, wenn man bereit ist, sich selbst zurückzunehmen und dem Gegenüber viel, viel Zeit und Raum zu geben. Und zwar auch dann, wenn man mit Manchem durchaus nicht einverstanden ist, was der Ratsuchende offenbart.

Viele Ratsuchende sind zunächst sehr vorsichtig. Sie wissen nicht, wie viel sie mir zumuten können. Sie fragen vielleicht nach: „Rede ich zu viel?“ Oder: „Langweile ich Sie?“ Dann antworte ich: „Bitte sprechen Sie weiter. Sie haben mein ganzes Ohr! Sie dürfen sich auch gern wiederholen. Ich weiß, dass es Dinge im Leben gibt, die sind so groß, dass man sie vielleicht 96mal erzählen muss, weil man anders nicht mit ihnen zurande kommt.“

Und so höre ich lange, lange zu. Allmählich wird mein Gegenüber sicherer. Die Worte fangen an und sprudeln aus seinem Mund. Und schon dies Erzählen-Dürfen und gehört werden hat eine erste heilende Wirkung. Das, was vielleicht lange verschlossen und verborgen war, darf nun hinaus ins Licht.

Bei allem Hören steht mir immer vor Augen, dass ich es (in aller Regel) mit einem verlorenen Menschen zu tun habe, der Jesus, den Retter dringend braucht. Aber ich nehme mir die Zeit, den Garten seines Lebens, seine Freuden, Fragen, Niederlagen und Siege, seine Nöte, Zweifel, Verletzungen, Ausweglosigkeiten, seine Wut, seine Bitterkeit und Selbstverliebtheit, auch handfeste Sünden kennen zu lernen. Ich tauche ein in die Suppe seines Lebens. Und ich warte darauf, dass mir klar wird, wo das Evangelium von Jesus in seinem Leben greifen könnte. Ich werde ein Hörender.

Seelsorge hat viele Aspekte. Aber die Disziplin des Hörens ist ihre Grundlage. Wer ein Hörender sein will, muss bereit sein, sich selbst für begrenzte Zeit loszulassen und dem anderen mit dem Dienst des Hörens zu dienen. Nur so erschließt sich der Garten des Lebens, den mein Gegenüber mir schildert. Je länger ich zuhöre, umso besser lerne ich diesen Garten kennen. Ich begreife, wie mein Gegenüber „tickt“. Und ich kann immer besser einschätzen, wo und wie ich diesem besonderen Menschen mit seinem besonderen Leben Jesus bekennen muss.

Manchmal stockt der Ratsuchende. Der Redefluss bricht ab. Dann frage ich mich, warum das wohl so ist. Steht mein Gegenüber vielleicht jetzt gerade an einer Stelle, wo ihm das Reden schwer wird? Kann es sein, dass er jetzt an Dinge rührt, die schmerzhaft, peinlich, dunkel oder schlicht unbegreiflich sind? Dann versuche ich mein Gegenüber dort abzuholen. Ich sage vielleicht: „Kann es ein, dass Sie von etwas sprechen wollen, was Sie zutiefst aufwühlt? Fehlen Ihnen die Worte? Oder befürchten Sie, ich könnte mich von Ihnen abwenden? Seien Sie unbesorgt! Sprechen Sie ruhig >kraus<, umgeordnet, umständlich oder ein bisschen wirr. Ich finde mich schon zurecht! Und im Übrigen: Mir ist nichts Menschliches fremd, egal wie dunkel oder hässlich es aussehen mag. Ich falle bestimmt nicht in Ohnmacht! Ich bin ganz dicht an Ihrer Seite!“

 

Meist geht das Gespräch dann weiter. Die Ermutigung greift. Gemeinsam erforschen wir den Garten des Lebens meines Gegenübers weiter. Ich höre und höre. Und ich staune immer wieder, wie verschieden, wie individuell und wie vielfältig der Lebensgarten jedes einzelnen Menschen ist. Es gibt nur Originale.


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Seelsorge hat eine kleine Schwester. Und das ist die Langsamkeit. Wer Seelsorge schnell und effizient über die Bühne bringen will, scheitert grandios! Nichts geht schnell in der Seelsorge. Sie braucht ihre Zeit und lässt sich nicht forcieren.

 

Das hängt mit der Machart von uns Menschen zusammen. Unser Verstand kann schnell, sehr schnell sein. Aber alles, was mit unserer Person insgesamt, mit unseren Gefühlen, unseren Lebenserfahrungen, unseren Entscheidungen, Befürchtungen, Ahnungen, Verletzungen, Schwächen und Hoffnungen zu tun hat, vollzieht sich mit einer gewissen Langsamkeit. Wer Menschen seelsorgerlich begleiten will, muss sich auf diese Langsamkeit einstellen. Maschinen sind immer gleich. Sie sind berechenbar. Man kann sie vergleichsweise leicht händeln. Ein Knopfdruck oder das Umstellen eines Hebels reichen meist aus. Aber Menschen sind keine Maschinen. Menschen sind Menschen. Und fast alles, was an ihrem Leben wichtig ist, vollzieht sich nicht ruck-zuck, sondern mit einer – zuweilen auch entnervenden – Langsamkeit, mit Rückschlägen, Umwegen und mit der schier endlosen Wiederholung alter Verhaltensmuster und Fehler. Man muss sich darauf einstellen.

Konkret heißt das: So gut wie nie kann in einem einzigen seelsorgerlichen Gespräch ein großer Durchbruch erzielt werden, der alle Probleme mit einem Schlag löst. Die Dinge brauchen Zeit. Daraus folgt: Seelsorge ist immer ein Weg, den Seelsorger und Ratsuchender gemeinsam zurücklegen. Viele Gespräche werden geführt. Viele Dinge werden wieder und wieder angesprochen werden müssen, bis es zu einer bleibenden Veränderung kommen kann. Das strapaziert zuweilen die Geduld. Andererseits weiß jeder von sich selbst, dass er in seinem eigenen Leben auch eine Schnecke ist, was echte Veränderungen angeht. Als Seelsorger sollte er also barmherzig sein, wenn sein Gegenüber dieselbe Langsamkeit hat.

Dazu kommt nun noch etwas: Auch der Seelsorger ist langsam: Es ist keine Kleinigkeit, den „Garten des Lebens“ eines Ratsuchenden wirklich kennenzulernen. Vieles, was Ratsuchende mir anvertrauen, kann ich unmittelbar gar nicht richtig und angemessen einschätzen. Ich gehe an manchem einfach achtlos vorüber und begreife gar nicht seine Bedeutung. Ich selbst bin langsam. Es kann beispielsweise geschehen, dass mein Gegenüber mir einige Details aus seiner Familie erzählt, in der er aufgewachsen ist. Ich nehme die Dinge auf, aber ich kann kaum ermessen, welche Rolle sie im Leben meines Gegenübers gespielt haben. Das ist sehr menschlich. Wir sind nicht so gebaut, dass wir in der Seelsorge sofort Wichtiges von weniger Wichtigem unterscheiden können. Wir sind begrenzte Wesen, die manchmal etwas schwer von Begriff und also langsam sind.

 

An dieser Stelle wird nun die längerfristige Begleitung eines Ratsuchenden wichtig. Im Laufe vieler Gespräche werden nämlich ganz bestimmte Details (zum Beispiel aus dem Familienleben des Ratsuchenden) immer wieder auftauchen. Irgendwann wird man dann stutzig: Dasselbe Detail hat mein Gegenüber nun schon drei-, vier-, oder gar schon zehnmal erwähnt. Das muss eine besondere Bedeutung haben, die einem bisher einfach entgangen ist. Und dann kann man einhaken und – rückfragen. Zum Beispiel in dieser Weise: „Darf ich Sie kurz unterbrechen? Mir fällt etwas auf: Sie haben in den vergangenen Wochen immer wieder dieses Detail aus der Zeit in Ihrer Familie erwähnt. Warum ist das so wichtig? Können Sie mir helfen und mehr dazu sagen? Warum beschäftigt Sie das so stark? Welche Bedeutung hat diese besondere Erfahrung für Sie?“

Das Gespräch nimmt dann eine neue Wendung. Es geht eine Stufe tiefer. Es erschließen sich neue, bisher übersehene Bereiche im Lebensgartens des Ratsuchenden. Ich verstehe sein Leben tiefer und vollständiger. Ich begreife besser, warum er so geworden ist, wie er geworden ist. Ich kann seine Schwierigkeiten umfassender verstehen.

Verstehen Sie: Auch Seelsorger sind nur Menschen. Manche wichtigen Details erkennen sie erst, wenn sie sie zum soundsovielten Mal von ihrem Gegenüber hören und irgendwann stutzig werden. Ich glaube nicht, dass man diesen Lernprozess beim Seelsorger wesentlich beschleunigen kann. Mit den Jahren und mit wachsender Professionalität geht es vielleicht ein kleines bisschen rascher. Aber insgesamt braucht es einfach Zeit, bis Seelsorger und Ratsuchender gemeinsam tiefer in den Garten des Lebens vordringen können. Vieles hört man als Seelsorger erst dann wirklich, wenn es zum wiederholten Mal vom Ratsuchenden vorgetragen wurde. Das heißt: Auch das Verstehen des Seelsorgers vollzieht sich mit einer gewissen – und für ihn selbst oft genug entnervenden - Langsamkeit.

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Darum ist es wichtig, Seelsorge von vornherein nicht auf ein paar wenige Gespräche zu begrenzen, sondern klarzumachen, dass Seelsorge meistens längere Begleitung bedeutet. Sowohl der Seelsorger als auch der Ratsuchende überfordern sich sonst!  Wir Menschen sind viel zu komplex gebaut, als dass man unsere Probleme in wenigen Gesprächen einer Lösung zuführen könnte. Das funktioniert einfach nicht.

 

Es ist darum sowohl für den Seelsorger als auch für den Ratsuchenden ungemein entlastend, wenn sich beide von vornherein eingestehen, dass sie keine Supermänner oder Superfrauen sind, sondern einfach Menschen mit einer gewissen angeborenen Langsamkeit. Es ist wichtig, dass Seelsorger gegenüber den Ratsuchenden nicht so tun, als könnten sie alle Probleme in ein paar Gesprächen beseitigen, sondern gleich darauf hinweisen, dass Seelsorge, wenn sie helfen soll, immer ein gemeinsamer Weg ist, Begleitung halt. Seelsorger sind keine „Zauberer“, die alles sofort durchblicken, weil sie „Profis“ sind und binnen kürzester Frist die lästigen Probleme auf wundersame Weise „wegmachen“ können. Seelsorger sind immer auch Lernende. In jedem neuen Gespräch sind sie immer wieder neu Lernende. Und Lernen braucht Zeit.

Ich habe mich zu Beginn meiner Tätigkeit als Seelsorger oft innerlich verkrampft, weil ich an mich selbst den Anspruch stellte, immer ganz schnell Hilfe bringen zu müssen. Ich spürte auch die Erwartungen der Ratsuchenden, die möglichst rasch ihre Probleme loswerden wollten und hofften, ich könne das irgendwie zuwege bringen.

Inzwischen bin ich dazu übergegangen, Seelsorge nicht mehr verkrampft zu betreiben und von vornherein darauf hinzuweisen, dass auch in der Seelsorge alles mit einer gewissen Langsamkeit von statten geht. Ich mache von vornherein klar, dass Seelsorge meistens ein gemeinsamer Weg der Begleitung ist, auf dem es nur Schritt für Schritt vorwärts geht. Dass Seelsorge eher ein Marathon ist, als ein kurzer Sprint. Seitdem bin ich entspannter.


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 Wer Menschen über längere Zeit begleitet und ihnen aktiv zuhört, beginnt irgendwann zu verstehen. Die vielen – manchmal verwirrenden – Einzelteile fügen sich ganz allmählich zu einem sinnvollen Ganzen zusammen. Die Fäden verknüpfen sich. Bestimmte Dinge kommen wieder und wieder in den seelsorgerlichen Begegnungen zur Sprache. Irgendwann wird klar, dass sie eine wichtige Rolle im Leben des Ratsuchenden spielen müssen. Sein Leben wird langsam zum vertrauten Terrain: Stärken und Schwächen treten nun deutlicher hervor. Auch Fähigkeiten und Unfähigkeiten, ungenutzte Potentiale, (womöglich) tiefsitzende Verletzungen mit Langzeitfolgen, richtige Entscheidungen und Fehlentscheidungen, handfeste Sünde und die daraus folgenden Zerstörungen. Das ganz besondere, individuelle Leben des Ratsuchenden wird wie ein sehr vertrauter Garten, in dem alles seinen Platz hat.

 

Natürlich ist man weit davon entfernt, wirklich den ganzen Garten zu kennen. Es bleiben immer noch genügend Gartenabschnitte, die man noch nie betreten hat und vielleicht nie kennenlernen wird. Aber im Großen und Ganzen gewinnt man doch mit der Zeit einen Überblick, was es mit diesem Garten auf sich hat. Und noch etwas wird deutlich: Es wird klar, wie der, der diesen Garten einst geplant und angelegt hat, diesen Garten gemeint hat. Es wird klar, welche Potentiale Gott in diesen einen besonderen Menschen hineingelegt hat.

Im Bild gesprochen: Wer lange in einem großen Garten unterwegs ist, versteht irgendwann das Grundprinzip seiner Anlage. Er versteht, was der, der den Garten einst angelegt hat, sich dabei gedacht hat. Er versteht die Planung, die dem Garten zugrunde liegt.

Selbst wenn der Garten einen chaotischen Anblick bietet und scheinbar nichts mehr darin in Ordnung ist, bleibt doch ein Eindruck davon zurück, wie er ursprünglich mal gedacht war und angelegt worden ist.

 

Sicher, die Gemüsebeete sind überwuchert und kaum noch erkennbar. Auf den großflächigen Wiesen haben sich massenhaft dornenreiche Hagebuttensträucher ausgebreitet. Mannshohes Unkraut steht in den Rosenbeeten. Die Rosen sind mangels Licht und Feuchtigkeit vertrocknet. Die Bäume, einst sinnvoll platziert, sind lange nicht beschnitten worden, haben Wassertriebe gebildet und bieten einen jämmerlichen Anblick. Die Büsche sind zu Bäumen ausgewuchert und nehmen den eigentlich prächtigen Stauden Licht und Platz weg. In einer Ecke des Gartens hat man achtlos Altöl ausgeschüttet. Das Öl ist in den Boden gesickert und hat ihn vergiftet. Dort wächst nun gar nichts mehr. Und die schönen Rasenflächen sind von Moos überwuchert und längst versumpft.

Es ist scheinbar nichts mehr in Ordnung in diesem Garten. Und doch erkennt man noch, dass dieser Garten einst sorgfältig geplant wurde. Man erkennt auch, dass in diesem Garten trotz aller Unordnung und trotz allem Chaos Potentiale stecken, die nur wieder sichtbar gemacht und gestärkt und entwickelt werden müssten. Und hier setzt die Seelsorge an.

Ohne Bild gesprochen:  Es kann sein, dass ein Ratsuchender in einer Familie mit viel Gewalt aufgewachsen ist. Vielleicht hat der Vater getrunken und Frau und Kinder im Rausch immer wieder geschlagen. Das hat das gesamte Leben des Ratsuchenden tief geprägt: Er ist mit einem langandauernden Mangel an Geborgenheit und Ermutigung aufgewachsen. Und so ist er zu einer verängstigten, geschwächten Persönlichkeit geworden. Er hat Angst zu versagen und kann Stärken und Schwächen bei sich selbst nur schwer einschätzen. Die innere Unsicherheit überdeckt er manchmal durch lautes, nerviges, machohaftes Auftreten. Gleichzeitig führt sein mangelndes Selbstvertrauen bei ihm zu starker Anpassung an die jeweilige Gruppe, in der er sich gerade bewegt. Manchmal kommt es bei ihm auch zu Ausbrüchen von Aggression gegen Schwächere. Dies bringt ihn immer wieder in Schwierigkeiten mit der Polizei.

Oder: Ein junger Mann kommt mit einer Behinderung zur Welt, die ihn zu einem Leben im Rollstuhl zwingt. Die Mutter fühlt sich in besonderer Weise für ihr behindertes Kind verantwortlich. Es entwickelt sich eine intensive Bindung zwischen Mutter und Sohn, die die Person des Vaters auf die Dauer immer mehr in den Hintergrund treten lässt. Im Laufe der Jahre erfährt der junge Mann, dass alle seine Wünsche nach Möglichkeit sofort oder zumindest zeitnah erfüllt werden. Er wird zu einem verwöhnten Kind, das in seinem ganzen Verhalten stark ich-hafte Züge zeigt und erwartet, dass die ganze Welt ihm dienen müsse, so wie es das bei der Mutter erfährt. Mitgefühl mit anderen und die Wahrnehmung von Verantwortung für andere sind Fähigkeiten, die der junge Mann gar nicht oder höchstens in schwachen Ansätzen entwickelt. Er ist auch nicht in der Lage, eigenes Fehlverhalten zu erkennen und zu korrigieren, da er die Schuld für Misserfolge und Niederlagen stets auf andere abschiebt. Der junge Mann erfährt viel Ablehnung von Gleichaltrigen, kann aber nicht verstehen, warum das so ist. Er zieht sich immer mehr zurück. Gleichzeitig verstärkt sich die Bindung an die Mutter, die den „unglücklichen“ Sohn umso mehr verwöhnt und ihn in seiner unreifen Haltung bestätigt.

In den seelsorgerlichen Gesprächen kommen die Personen und die durch sie vermittelten Erfahrungen, die das Leben dieser zwei  Ratsuchenden maßgeblich bestimmt haben, Stück für Stück ans Licht. Der Seelsorger lernt sie im geduldigen Hören und Nachfragen kennen. Irgendwann kommt es dann zu einem Verstehen: Das Leben jedes einzelnen dieser zwei Ratsuchenden wird vertraut und – wenigstens ein Stück weit - transparent. Es wird deutlich, welche grundlegenden Erfahrungen zu welchen Problemen geführt haben. Ungenutzte Potentiale aber auch schwerwiegende Defizite werden sichtbar und verstehbar. Es wird auch deutlich, wo Sünde im Leben des Ratsuchenden Zerstörungen und Vergiftungen bewirkt hat: Sünde, die andere an dem Ratsuchenden begangen haben und Sünde, die er selbst begangen hat und für die er auch selbst verantwortlich ist. Es wird schließlich auch – wenigstens in Umrissen - erkennbar, wie Gott das Leben und die Persönlichkeit dieses besonderen Menschen eigentlich gemeint hat, das heißt, in welcher Weise er den Ratsuchenden  in je besonderer Weise begabt und befähigt hat, als sein Ebenbild zu leben (1. Mose 1, 27).


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Ich komme noch einmal auf das Bild vom Garten zu sprechen. Wir haben gesehen, dass das Leben jedes Menschen mit einem Garten vergleichbar ist. Durch geduldiges und konzentriertes Zuhören lernt der Seelsorger diesen Garten kennen. Er wird – Stück für Stück – vertraut mit dem Leben des Ratsuchenden. Er lernt schöne und gepflegte Teile des Gartens kennen, aber natürlich auch weite Teile, in denen Unordnung und Zerstörung das Gesicht des Gartens entstellt haben. Wie kann er nun in den seelsorgerlichen Gesprächen mit dem ratsuchenden Jesus bekennen?

 

Die erste Möglichkeit ist grundsätzlicher Natur und besteht darin, dass der Seelsorger dem Ratsuchenden eine zunächst gewiss recht bittere biblische Wahrheit zeigt. Diese Wahrheit heißt: „Sünde zerstört!“(Röm 6, 23)

Sünde zerstört! Immer! Manchmal tritt diese Zerstörung sofort und augenfällig hervor. Manchmal tritt sie aber auch schleichend ein und kommt schleichend zutage. Zerstörerisch aber ist Sünde immer! Sie zerstört die Beziehung zu Gott, und sie zerstört die Beziehungen zwischen Menschen.

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Die zerstörende Wirkung der Sünde ist über kurz oder lang immer Thema in seelsorgerlichen Gesprächen. Es kann Sünde von anderen sein, die zerstörerisch in das Leben des Ratsuchenden eingegriffen hat. Es wird aber oft auch Sünde sein, für die der Ratsuchende selbst verantwortlich ist. Die Wirkung ist in beiden Fällen die gleiche: Nämlich Zerstörung. Vielleicht ist nicht immer sofort offensichtlich, welche konkrete Sünde wo und in welcher Weise zerstörerisch gewirkt hat. Aber immer ist irgendeine Spielart der Sünde für Zerstörung im Leben des Ratsuchenden verantwortlich.

 

Seelsorgerliche Gespräche werden deshalb geführt, weil der Ratsuchende spürt, dass mit seinem Leben etwas nicht stimmt. Er wird das natürlich nicht auf die Wirkung von Sünde zurückführen. Aber er spürt die Zerstörung, die in seinem Leben an irgendeiner Stelle faktisch eingetreten ist.

Der Seelsorger wird nun behutsam, aber konsequent diese Zerstörungen im Gespräch thematisieren. Er wird über angelernte falsche Verhaltensweisen, Fehlentscheidungen, prägende, negative Erfahrungen, grobes oder raffiniert getarntes Fehlverhalten sprechen. Er wird die zerstörerischen Kräfte konkret benennen, die im Leben des Ratsuchenden wirksam geworden sind. Er wird gemeinsam mit seinem Gegenüber freilegen, was hinter der Unordnung im Garten seines Lebens steckt.

Ein Beispiel: Ein junger Ratsuchender spricht darüber, dass er von Pornografie im Internet stark angezogen ist. Er gibt auch zu erkennen, dass er schon einige Erfahrungen im Rotlicht-Milieu gesammelt, also die Dienste von Prostituierten in Anspruch genommen hat. Er berichtet, dass er von dieser Welt aufgeheizter Sexualität nicht loskommt.

Der Seelsorger wird nun mit ihm über die Folgen dieses Verhaltens sprechen. Er wird ihn an die Zerstörung heranführen, die durch sexuelle Grenzenlosigkeit in seinem Leben bereits eingetreten sind.  Im seelsorgerlichen Gespräch wird die zerstörerische Wirkung des Verhaltens des jungen Mannes für ihn deutlich werden. Es wird – aller Wahrscheinlichkeit nach – irgendwann zu einem Erschrecken bei ihm kommen. Er wird zu verstehen beginnen, was der Seelsorger wohl meint, wenn er sagt, dass Sünde zerstört.

Aber es bleibt nicht bei dieser erschreckenden Erkenntnis. Der Seelsorger wird mit dem Ratsuchenden erarbeiten, dass Gott die Zehn Gebote und die Maßstäbe der Bergpredigt Jesu gegeben hat, um solche Zerstörung zu verhindern. Der Ratsuchende wird im Zuge dieser Erkenntnis zu verstehen beginnen, dass Gott - wenn es ihn gibt - nicht der große „Spaßverderber“ ist, sondern die Menschen mit seinen Geboten vor Zerstörung bewahren will. Seine Sicht von Gott wird sich – positiv – verändern. Und schon ist ein erster anfänglicher Schritt in Richtung auf eine persönliche Beziehung des Ratsuchenden zu Gott getan.

Im Laufe weiterer seelsorgerlicher Gespräche wird der Ratsuchende die Zerstörungen in seinem Leben deutlicher erkennen. Er begreift, dass es konkretes Fehlverhalten war, das für die Unordnung in seinem Leben verantwortlich ist. Er bekommt einen Eindruck davon, wie viele „Baustellen“ es im Garten seines Lebens gibt. Und er steht zunehmend ratlos vor der ungeheuren Aufgabe, die vor ihm liegt. Vielleicht wird er entmutigt sein.

Und wieder eröffnet sich für den Seelsorger die Möglichkeit zum Bekenntnis. Er kann – sinngemäß – folgendes sagen: „Ich weiß, dass es Gott, dass es Jesus gibt. Du glaubst nicht an ihn, ich weiß. Aber es gibt ihn wirklich. Er ist eine Person, nicht nur eine Kraft. Er sieht dich in diesem Augenblick, und er wünscht nichts mehr, als in deinem Leben arbeiten zu dürfen, Ordnung zu schaffen, Zerstörtes zu reparieren und deinem Leben eine völlig neue Richtung zu geben. Du musst die ganze Arbeit nicht alleine tun! Jesus ist da und wartet nur darauf, dass du ihm die Chance gibst, in deinem Leben Vergebung, Heilung und Neuanfang zu ermöglichen. Du musst nicht alles alleine tun! Du kannst  es bei Licht besehen auch nicht! Aber Jesus ist da. Er möchte in dein Leben kommen, damit Zerbrochenes heil und Zerstörtes wieder ganz wird.“


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Unabdingbarer Bestandteil meines Dienstes sind Krankenbesuche im Krankenhaus. Das Krankenhaus hat rund 200 Betten, ist also ein eher kleines Krankenhaus. Behandelt werden hier vor allem Erkrankungen der Gelenke und der Wirbelsäule. Viele, deren Hüft-, Knie-, oder Schultergelenke verschlissen sind und nun entweder gar nicht mehr oder nur unter erheblichen Schmerzen funktionieren, kommen hierher und erwarten Hilfe.

Die Krankenschwester hat mir die Nummer des Krankenzimmers mitgeteilt, in dem eine Patientin liegt, die um ein Gespräch mit dem Seelsorger gebeten hat. Ich gehe zum angegebenen Zimmer, klopfe an und betrete das Zimmer. Drei Betten stehen in dem Zimmer. Jedes Bett ist belegt. Drei mir völlig fremde Frauen mustern mich. Ich stehe vor der Aufgabe, zunächst mal einen tragfähigen Kontakt herzustellen. So stelle ich mich vor und frage nach der Patientin mit dem Namen Meyer, Müller, Schulze, Krause.

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Eine Patientin meldet sich. „Das bin ich!“, sagt sie. Ich gehe zu ihrem Bett und gebe ihr die Hand. „Sie hatten um ein Gespräch mit einem der Klinik-Seelsorger gebeten“, sage ich. „Da bin ich. – Soll ich mich einen Moment an ihr Bett setzen?“ Die Frau nickt.

 

Ich zirkele mir einen Besucherstuhl an Rollstühlen und Rollatoren vorbei und nehme an ihrem Bett Platz. Die Patientin sieht mich erwartungsvoll an. Ich muss entscheiden, was ich jetzt tue. Wie eröffne ich das seelsorgerliche Gespräch? Schließlich kenne ich die Patientin nicht. Habe sie noch nie gesehen. Ich soll ihr aber helfen, mit ihrer schwierigen Lebenssituation klarzukommen.  Was also tun?

Die Situation ist nicht ganz einfach. Denn die beiden anderen Patientinnen rechts und links hören jedes Wort mit. Von Privatsphäre keine Spur. Ich agiere also ein bisschen wie auf einer Bühne. Daran muss man sich bei Besuchen im Krankenhaus gewöhnen. Sicher, wenn die Patienten laufen können, steht der Besucherraum zur Verfügung. Dort kann man hingehen und ist dann meistens ungestört. Aber wenn die Patienten das Bett nicht verlassen können, ist man gezwungen im Raum zu bleiben. Manchmal drehen sich die Mitpatienten dann weg, um zu signalisieren: Wir hören nicht mit! Aber faktisch hören sie eben doch alles. Besonders unangenehm ist das bei schwerhörigen Patienten. Dann muss ich wirklich sehr laut sprechen und alle im Raum bekommen wirklich alles mit!

Aber zurück zu der Patientin, an deren Bett ich Platz genommen habe. Wie soll ich das Gespräch eröffnen? Ich beuge mich ein klein wenig nach vorne zu ihr hin, sehe ihr aufmerksam ins Gesicht und sage: „Ich glaube, Sie gehen gerade durch eine schwierige Zeit. Was ist mit Ihnen? Mögen Sie darüber sprechen?“

Die Patientin merkt (hoffentlich), dass sie meine volle Aufmerksamkeit hat. Sie beginnt zu sprechen, erklärt mir ihre Lage, erzählt von ihrer langen Krankheits- und Leidensgeschichte. Das nimmt meist eine ganze Weile in Anspruch. Ich werde zum Hörenden und bin dankbar dafür. Ich lerne das Leben der Patientin in ersten Umrissen kennen. Wenn ich später persönlich auf sie eingehen will, ist das unbedingt nötig! Ab und zu stelle ich ein paar Zwischenfragen: „Was sagen die Ärzte zu Ihrem momentanen Zustand? Bekommen Sie Besuch? Können Sie nachts schlafen? Bekommen Sie genug Medikamente gegen die Schmerzen?“

Ganz allmählich gewinne ich einen ersten Eindruck von meinem Gegenüber. Dabei hilft übrigens auch ein rascher Blick auf den Nachttisch. Wenn dort ein Gesangbuch oder eine Bibel liegt (sehr selten!), weiß ich, dass ich es mit einem Menschen zu tun habe, der für geistliche Dinge ansprechbar ist. Liegt auf dem Nachttisch die Bild-Zeitung, ein Julia-Roman oder das „Goldene Blatt“ gehe ich bis auf Weiteres davon aus, dass der Patient/in geistlichen Dingen gegenüber wahrscheinlich eher nicht so aufgeschlossen sein wird.

Ich spreche mit der Patientin über die lange wechselvolle Geschichte ihrer Erkrankung. Das heißt: Ich nehme das ganz ernst, was sie zurzeit am allerstärksten beschäftigt. Oft fließen dann bei den Patienten die Tränen. Der ganze Jammer über die Schmerzen, die Hilflosigkeit, das endlose Liegen und die schleppend verlaufende Heilung kommen heraus. Zum Teil geschieht das mit ziemlicher Wucht, also mit Wut, Unverständnis und Bitterkeit.

Wie in aller Welt geht man mit so viel Jammer, Wut, Verzweiflung und Bitterkeit um?

Rundheraus gesagt: Viele Menschen wissen es nicht! Sie sind der Meinung, man müsse den oder die Patientin irgendwie „aufmuntern“. Sie sagen vielleicht: „Kopf hoch, das wird schon wieder!“ – Oder: „Ein Indianer kennt keinen Schmerz!“ Oder: „Bestimmt geht´s dir morgen schon besser!“

Aber die Patientin weiß, dass es ihr morgen sehr wahrscheinlich nicht besser gehen wird. Sie glaubt auch nicht, dass „es“ schon wird. Und die gut gemeinte Bemerkung: „Ein Indianer kennt keinen Schmerz!“  empfindet sie wie blanken Zynismus, denn ihre Seele ist zermürbt und durchlöchert von wochenlangem, vielleicht monatelangem Schmerz.

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Wie also soll man auf einen Ausbruch von Jammer, Schmerz, Verzweiflung und Mutlosigkeit reagieren?

 

Es gilt hier der einfache Satz aus der Bibel (Römerbrief 12, 15): Freut euch mit den Fröhlichen und weint mit den Weinenden.

Aber: Wie sieht das praktisch aus? Das sieht praktisch so  aus, dass ich mich innerlich genau auf Augenhöhe mit der Patientin begebe, mich in ihren Jammer hineinversetze und dann ihre Gefühle mit meinen eigenen Worten ausdrücke.

Zum Beispiel: „Kann es sein, dass der Tag heute für Sie ein besonders schwerer Tag ist? Es scheint mir fast so ...“ Oder: „Ich kann mir ungefähr vorstellen, wie Ihnen zumute ist: Sie wollen so gern aufstehen und können es nicht. Die ewige Liegerei im Bett haben Sie so unsagbar satt. Und die fiesen Keime in ihrer Wunde wollen auch nicht das Feld räumen. Das ist ziemlich viel Belastung für einen einzelnen, kleinen Menschen, oder? Manchmal wird Ihnen die Last fast zu schwer! Kein Wunder, dass dann irgendwann die Verzweiflung in der Kehle hochsteigt!“

„Weint mit den Weinenden!“, sagt der Apostel Paulus. Und recht hat er! Wer schwer und vor allem über lange Zeit hinweg krank ist, der ersehnt vor allem eines: Dass jemand zu ihm auf Augenhöhe herunterkommt und in seinen Schmerz, seine Verzweiflung, seinen Jammer hineinkommt und ihn – wenigstens ein Stück weit – mitempfindet und mitleidet.

Wer von Jammer, Entmutigung und Hoffnungslosigkeit erfüllt ist, weil er schon sehr lange krank ist und kein Ende der Leidenszeit absehbar ist, der braucht nicht aufmunternde Allgemeinplätze, sondern der wartet auf jemanden, der sich traut, mit ihm den Jammer, die Verzweiflung und die Hoffnungslosigkeit anzusehen und mitzufühlen. „Weint mit den Weinenden!“

Ein Grund, warum viele Menschen Krankenhausbesuche fürchten oder sich schlicht weigern, überhaupt ein Krankenhaus zu betreten, ist darin zu suchen, dass sie einfach ungeübt sind, auf Augenhöhe in das Leid eines anderen hineinzusteigen und es – auf Zeit! – zu ihrem  Leid zu machen. Und so kommt es, dass sie Todkranken im Ernst  erzählen, dass ja bald alles besser werden wird. Folge: Der Kranke fühlt sich unendlich allein, verlassen, verraten. Er wird durch wohlmeinende, so genannte „aufmunternde“ Worte in eine grässliche Einsamkeit gestoßen. Und so spielt er das unwürdige Spiel mit und ist froh, wenn der Besuch recht bald wieder geht.

„Weint mit den Weinenden!“ Das gilt es zu lernen, wenn man Kranke besucht. „Weint mit den Weinenden!“ Jemand, der schon lange krank ist, dürstet förmlich nach einem Menschen, der bereit ist, die Einsamkeit und den Jammer seiner Krankheit – auf Zeit! – an das eigene Herz heranzulassen. Geschieht das, wird das den Kranken stärken und ihm neuen Mut geben. Und es wird ein Vertrauen wachsen zwischen dem Kranken und seinem Besucher.

Doch zurück in das Krankenzimmer und der Patientin, an deren Bett ich immer noch sitze. All der Jammer, alle Verzweiflung durften aus ihr herausfließen. Ich bin an ihrer Seite geblieben, habe ihr Leid mitgefühlt und ihr durch einige Worte gezeigt, dass ich – wenigstens einigermaßen – mitfühle, was sie fühlt.

Quelle:  pixabay
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An dieser Stelle möchte ich Sie auf etwas aufmerksam machen, das mir wichtig erscheint. Es ist der „Dienst der Berührung“. In England, wo ich u.a. an einem College studiert habe, hieß das in der Seelsorgeausbildung „The ministry of touch“. Was meine ich damit?

 

Menschen, die durch dunkle Zeiten des Leids gehen, sehnen sich nach der Nähe von anderen, die ihr Leid – auf Zeit! – mittragen. Diese Nähe kann durch Worte ausgedrückt werden, zusätzlich aber auch durch Berührung. Berührung kann die Botschaft von Worten verstärken.

 

Manchmal, wenn der ganze, vielleicht lange angestaute Jammer aus Menschen herausbricht, berühre ich sie mit meiner Hand leicht am Oberarm, am Unterarm oder an der Hand. Manchmal halte ich auch die Hand für kurze Zeit ganz leicht fest. Vielen Menschen tut diese Berührung gut. Sie ist ein Ausdruck von Nähe und Mitgefühl, anders als Worte, aber auch sehr wirksam.  Die Berührung sollte sich allerdings auf den Bereich von Arm oder Hand beschränken! Alles andere könnte als unzulässiger Einbruch in die Intimsphäre empfunden werden. An Arm und Hand aber ist Berührung möglich, und viele Menschen reagieren sehr dankbar darauf.

 

Gehen wir einen Schritt weiter ... Ich sitze immer noch am Bett der Patientin. Sie konnte ihr Herz ausschütten, und ich habe mich – auf Zeit! – in ihr Leid hineingestellt. Ich habe damit die Einsamkeit ihres Leids zumindest zeitweise aufgehoben.

Wer öfter an Krankenbetten sitzt, weiß, dass der Ausbruch von Jammer, Leid und Verzweiflung mitunter recht heftig sein kann. Aber  solche Ausbrüche haben – wie alles! –ihre Zeit. Irgendwann kommen die heftigen Gefühle – vorerst wenigstens – allmählich zur Ruhe. Im Gespräch entsteht dann manchmal eine Pause. Man spürt: Jetzt gleich beginnt in diesem Gespräch eine neue Phase.

Die Patientin ist jetzt viel ruhiger. Und über was spricht sie? Sie fängt an und spricht über frühere Zeiten, erinnert sich an schöne Erfahrungen aus der Vergangenheit. Sie spricht über ihr Haus, den schönen Garten, den Ehemann, die Kinder. Sie schwelgt förmlich in Erinnerungen, positivem Erinnerungen. Sie erzählt von Freunden, schönen Reisen, beglückenden Erfahrungen mit den Kindern oder im Beruf. Die Worte sprudeln nur so aus ihr heraus. Für eine Weile vergisst die Patientin völlig, dass sie im Krankenhaus liegt. Sie vergisst Schmerzen, Leid, Jammer, Wut. In Gedanken erlebt sie schöne beglückende Erfahrungen von früher noch einmal. Sie beginnt zu lächeln. Die Augen fangen an zu leuchten. Die Stimme wird fester.

Ich lasse diese Gesprächsphase immer gerne zu und unterbreche sie nicht. Warum? Der oder die Kranke schöpft viel, viel Kraft aus dem Wiedererleben schöner Erinnerungen. Aber, ganz wichtig: Sie braucht jemanden, mit dem sie diese Erinnerungen teilen kann! Sie braucht jemanden, der sich dafür interessiert! Oft unterstütze ich darum dieses Nachhängen in Erinnerungen. Ich sage: „Ich glaube, Sie lieben Ihren Garten sehr! Ihre Augen leuchten, wenn Sie von ihm erzählen.“ Oder: Sie sind richtig stolz auf Ihre Kinder! Das kann ich gut nachvollziehen. Ich bin auch furchtbar stolz auf meine!“  Oder: „Ihr Mann und Sie sind ein gutes Gespann! Sie geben sich gegenseitig so viel an Liebe und Kraft. Das ist ein Geschenk!, wissen Sie das?“

Ich sitze also am Bett und erlebe mit, wie die Patientin durch schöne Erinnerungen Kraft tankt. Und dann kommt ein sehr entscheidender Augenblick: Ich schließe an all die schönen Erinnerungen  eine erste geistliche Lektion an. Wenn die Patientin dem Glauben an Jesus  fernsteht, setze ich jetzt bewusst einen Anfang mit Gott.

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Wie mache ich das? Es geschieht in dieser Weise: Ich sage zu ihr: „Liebe Frau Meyer, Müller, Schulze, Krause, ich hätte da einen Tipp für Sie: Wenn das nächste Mal der Jammer und die Verzweiflung über Sie hinwegrauschen, dann bitte: Fangen Sie an zu danken! Danken Sie für Ihr schönes Haus und ihren Garten, den Sie so sehr lieben! Danken Sie für Ihren Mann, der Ihnen so viel bedeutet! Danken Sie für Ihre Kinder, auf die Sie so unsagbar stolz sind! Danken Sie für all dies, wenn Jammer und Entmutigung Sie überwältigen wollen. Sie werden merken: Dann verliert die Verzweiflung einen guten Teil ihrer negativen Kraft. Und es zieht auf die Dauer ein Friede in Ihr Herz. Wissen Sie, es gibt ein Sprichwort, das lautet: >Danken bewahrt vor Wanken, und Loben zieht nach oben!<  Ich glaube, dieses Sprichwort enthält viel Wahres. Und darum: „Danken Sie Gott, wenn das Leid Sie überschwemmen will. Sie werden merken: Das hilft wirklich!“

 

Jetzt ist das Stichwort gefallen. Der Lebendige Gott ist plötzlich im Spiel. Aber das nicht irgendwie allgemein, sondern individuell auf diese Patientin und ihr Leben ausgerichtet.

Die Patientin sieht mich leicht zweifelnd an: „Gott? Gibt´s den überhaupt?“ Eine gute Frage! Eine sehr gute Frage! Denn durch diese Frage signalisiert mir die Patientin, dass sie offen für die Antwort ist. Und jetzt kommt der Moment des Bekenntnisses.

„Ja, Gott gibt es wirklich!“, antworte ich. „Er ist eine Person und nicht nur eine Kraft. Er kennt Sie persönlich. Er sieht Sie auch, wie Sie jetzt gerade hier im Bett liegen. Und Sie sind wertvoll für ihn!“

In wenige Sätze habe ich etliche grundlegende Wahrheiten über den Gott der Bibel gepackt. Ich gebe der Patientin eine gute Portion geistlicher Nahrung. Und vielleicht – wenn alles gut läuft – fragt sie zurück: „Woher wissen Sie das?“

„Nun, weil ich es persönlich erlebt habe. Wissen Sie, ich war früher Atheist, ein Gottesleugner. Aber Gott hat mich so lange am Kragen gepackt und geschüttelt, bis auch ich endlich begriffen hatte, dass er wirklich da ist.“

Vielleicht kommt es dann auch noch dazu, dass die Patientin mich fragt, wie das denn alles im Einzelnen gewesen sei. Dann habe ich die einmalige Chance, ihr über meinen Weg zu Jesus zu berichten. Und dann bekommt sie noch mehr geistliche Nahrung. Und ich kann bei Folgebesuchen immer wieder darauf zurückkommen. Der Gott der Bibel ist in diesem Augenblick durch mein Bekenntnis in das Leben dieser Frau getreten! Wie gut!

Und ganz wichtig: Das Bekenntnis hat Gewicht! Es hat Glaubwürdigkeit, weil ich mir die Zeit genommen habe, um mit meiner Gesprächspartnerin wirklich zuzuhören, sie zu begleiten und sie zu verstehen. Das heißt: Ich habe ihr gezeigt, dass sie mir wirklich wichtig ist und das gibt meinem Bekenntnis zu Jesus Gewicht.

Oft bitten mich Patienten, sie doch recht bald wieder zu besuchen. Wenn ich irgend kann, sage ich das zu und – halte es ein! Aber bevor ich mich von der Patientin verabschiede, frage ich, ob ich noch mit ihr beten soll. Sehr wenige Menschen lehnen das ab. Einige sagen: „Ja, bitte, beten Sie für mich. Aber nicht jetzt hier mit mir!“ Die allermeisten aber lassen es gerne zu, wenn ich mit und für sie bete.

Wie sieht so ein Gebet im Allgemeinen aus? Ich schließe meine Augen, lasse mich vom Heiligen Geist leiten und lege mein ganzes Herz in dieses Gebet ...

„Lieber himmlischer Vater“, sage ich. „Als erstes danke ich Dir für Frau Meyer, Müller, Schulze, Krause.“ (Ich nenne immer den Namen des /der Patienten/ in!). „Ich danke Dir, dass es sie gibt. Ich danke Dir, dass Du sie jetzt siehst und kennst und liebhast. Und ich danke Dir vor allem, dass Du einen guten Plan für ihr Leben hast. Und jetzt bringe ich sie Dir. Du weißt um ihre Schmerzen. Du weißt um allen Jammer und Verzweiflung, die sie manchmal schier überwältigen. Und ich bitte Dich jetzt, dass Du sie segnest. Dass du sie einhüllst in deine Geborgenheit und vor allem: Dass Du ihr persönlich begegnest. Bitte lass sie erfahren, dass Du wirklich da bist und gern in ihr Leben kommen willst. Bitte erbarme Dich über sie! Danke, dass Du uns gehört hast!“

Nach Ende des Gebets verabschiede ich mich. Ich verabschiede mich auch bei den Mit-Patientinnen. Dann gehe ich und verlasse das Krankenzimmer. Der Besuch hat 45 Minuten gedauert. Er hat mich angestrengt und er hat mich fröhlich gemacht.

Ich gönne  mir eine mentale Pause von 30 Minuten, bevor ich mich neuen Aufgaben zuwende.


Die Begegnung mit menschlichem Leid ist für jeden Seelsorger eine alltägliche Grunderfahrung. Hinter jeder Bitte um ein seelsorgerliches Gespräch steht Leid. Natürlich kann dies Leid eine unterschiedliche Intensität und Tiefe haben, aber immer ist es die Erfahrung von Leid, die Menschen dazu treibt, sich einem anderen Menschen – in diesem Fall dem Seelsorger – anzuvertrauen. Es scheint so zu sein, dass Menschen instinktiv spüren, dass es ihnen guttut, eigenes Leid einem anderen Menschen mitzuteilen und es so mit ihm zu teilen: Geteiltes Leid ist halbes Leid!

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Natürlich hält jeder Mensch, der durch eine Phase des Leids geht, das eigene Leid für besonders schwerwiegend, ganz klar! Und es ist fürwahr keine leichte Aufgabe, die Schwere von Leid objektiv zu messen. Wir würden – um nur ein  Beispiel zu nennen – das Leid eines Vierjährigen, der gerade seinen Teddy verloren hat, wahrscheinlich eher als belangloses Leid einstufen. Für den betroffenen Vierjährigen aber kann es eine echte Katastrophe sein. Leid will also grundsätzlich immer ernst genommen sein, egal, ob es auf den ersten Blick leicht oder schwer aussieht.

Ich begegne menschlichem Leid im Leben von Schülern in der Schule, im Leben von Erwachsenen in den Wohnbereichen unserer Einrichtung und natürlich – immer wieder – bei Besuchen von Patienten im Krankenhaus. Und auch nach 20 Jahren als Seelsorger empfinde ich diese Begegnungen immer wieder als  echte Herausforderung ...

Da ist ein Schüler, der eine fortschreitende Muskelerkrankung hat. Vor ein paar Jahren konnte er noch herumlaufen. Jetzt sitzt er im Elektro-Rolli. Wie viele Jahre er noch vor sich hat, kann und wagt niemand zu sagen. Wie begegne ich diesem Leid? Oder: Da ist eine junge Frau, Anfang zwanzig, die mit der Diagnose ALS leben muss. Sie weiß, dass sie langsam aber unaufhaltsam die Kontrolle über ihren Körper verlieren wird. Irgendwann wird sie an ihrer Krankheit sterben. Wie viele Jahre sie noch vor sich hat, weiß keiner. Viele sind es eher nicht. Wie begegne ich diesem Leid? Oder: Da ist ein  älterer Mann. 34mal haben sie ihn schon am Bein operiert. Dann muss das Bein  doch amputiert werden. Als er sich ein wenig von der Operation erholt hat, stirbt plötzlich seine Frau. Wie begegne ich diesem Leid?

Ich bin einiges gewöhnt als Seelsorger. Aber an die Begegnung mit zum Teil himmelschreiendem Leid gewöhne ich mich nie, trotz einer gewissen „Professionalität“, die sich mit den Jahren eingestellt hat. Menschliches Leid fordert mich! Menschliches Leid fordert mich heraus!. Und es kostet Kraft, sich ihm wirklich zu stellen und ihm standzuhalten.

Wie aber macht man das – ganz praktisch – himmelschreiendem Leid standzuhalten? Wenn ein Mensch unter Hunger leidet, kann man ihm Brot geben. Man kann etwas tun. Wenn ein Mensch unter Schmerzen leidet, kann man ihm Medikamente geben, die den Schmerz lindern. Man kann etwas tun. Was aber ist mit einem Menschen, den man 34mal operiert hat, dem man dennoch das Bein abnehmen muss und der dann auch noch seine Frau verliert. Was gibt man ihm, um sein Leid – wenigstens teilweise – zu lindern?

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Begeben wir uns also in Gedanken in das Krankenzimmer eben dieses älteren Mannes. Als ich sein Zimmer betrete, liegt er ganz still in seinem Bett. Wo einmal sein rechtes Bein war, ist die Bettdecke ganz flach. Der Mann liegt still in seinem Bett und sieht fern, vielleicht Sport oder eine Seifen-Oper.

 

Ich betrete das Zimmer und habe keine Ahnung, wie das Gespräch laufen könnte. Ich bewege mich auf „freiem Feld“. Ich weiß nur: Gegenüber den Krankenschwestern hat er Interesse am Besuch eines Seelsorgers signalisiert.

Ich habe Glück: Der Mann ist allein im Zimmer. Seine beiden Zimmer-Genossen werden gerade operiert. So kann ich ungestört unter vier Augen mit ihm reden. „Guten Tag, mein Name ist Möckel!“, stelle ich mich vor. „Ich bin einer der Seelsorger hier im Haus. Sie hatten um ein Gespräch gebeten. Da bin ich. Was kann ich für Sie tun?“

Das Feld ist eröffnet. Jetzt wird es spannend. Was passiert jetzt als Nächstes? Der Mann dreht sich ein wenig zu mir, schaltet den Fernseher ab. „Gut, dass Sie da sind!“, sagt er. Auf den ersten Blick wirkt er gelassen, fast abgeklärt.

Er deutet auf die Stelle, wo sein rechtes Bein einmal war. “Ist weg!“, sagt er. „Schauen Sie es sich ruhig an! X-mal haben sie dran rumgeschnippelt. Sogar Haut von meinem Rücken haben sie übertragen, um die Wunde endlich zu schließen. Hat aber nicht geholfen. Bein ist ab.“ Der Mann blickt aus dem Fenster.  „Wissen Sie, wie lange ich jetzt in verschiedenen Krankenhäusern zugebracht habe?“, fährt er plötzlich fort. „Fast zwei Jahre. 34 Operationen. Und nun ist das Bein doch ab. Warum also das alles? Warum?“

Ich schweige, weil ich spüre, dass da noch mehr kommt. Dass es gut ist, ihm Raum zum Sprechen zu geben. Aber ich weiß: Die Frage nach dem „Warum“, die sitzt in ihm wie ein Tiger auf dem Sprung. Die Frage wird wiederkommen, wird mit Wucht wiederkommen. Ich kann mich jetzt schon darauf gefasst machen.

„Meine Frau hat gesagt“, fährt der Mann fort, „dass es heute gute Prothesen gibt, mit denen man richtig laufen kann. Sie hat gesagt, ich soll mir keine Sorgen machen und mich nicht aufgeben. Dafür gäb´s keinen Grund. Sie sagte: >Du, wir verreisen zusammen, wenn der Stumpf abgeheilt und die Prothese angepasst ist.< Sie hat mir so viel gegeben, meine Christine. Und jetzt ...?" Der Mann dreht sich zum Fenster, damit ich nicht sehe, dass er weint. „Und jetzt ist sie fort. Tot. Einfach morgens nicht mehr aufgewacht. Die Nachbarin hat sie gefunden. Kinder haben wir ja keine ...“

Die Verzweiflung des Mannes, seine Hoffnungslosigkeit, das Fehlen jeder Perspektive für die Zukunft, dies alles steht groß und dunkel im Raum. Und ich weiß: Es kommt jetzt alles darauf an, dass ich mit ihm gemeinsam diesem Dunkeln erst einmal standhalte. Einfach standhalte.

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Vorsichtig berühre ich seine Hand. Er ergreift sie fest, als hätte er auf meine Hand gewartet. Er spricht weiter und weiter. Immer wieder drückt er meine Hand, lässt sie nicht los. Klammert sich an diese Hand, als wäre sie der letzte Halt, den er hat. Und er wird geschüttelt von unbändigem  Schmerz, den das Leid immer in sich trägt. Seine Worte fließen und fließen aus ihm heraus. Das Leid muss heraus, an dem er fast erstickt. Leid, für das es keine glatte Erklärung gibt. Leid, das das Leben dieses Mannes ausfüllt bis zum Rand. Und so sitzen wir da. Er im Bett, ich auf einem Besucherstuhl dicht an seinem Bett. Er umklammert immer noch wie ein Ertrinkender meine Hand. Und so halten wir beide dem Leid stand. Lange tun wir das. Am Ende wird es still. Hier sind wir: Zwei kleine Menschen in einem großen Krankenhaus, die einem unermesslichen Leid gemeinsam standhalten.

 

Ich sitze da und halte seine Hand. Ich tue das, was auch Hiobs Freunde taten, als sie kamen um ihm beizustehen in seinem Leid. Möchten Sie wissen, was Hiobs Freunde taten? Hier ist es (Hi 2, 11 – 13):  Als aber die drei Freunde Hiobs von all diesem Unglück hörten, das über ihn gekommen war, kamen sie, jeder von seinem Ort. ... Sie verabredeten sich, miteinander hinzugehen, um ihm ihr Beileid zu bezeugen und ihn zu trösten. Und als sie von ferne ihre Augen erhoben, kannten sie ihn nicht mehr. Da erhoben sie ihre Stimme und weinten; und jeder zerriss sein Gewand, und sie warfen Staub über ihre Häupter zum Himmel. Dann setzten sie sich zu ihm auf den Erdboden sieben Tage und sieben Nächte lang, und keiner redete ein Wort mit ihm; denn sie sahen, dass sein Schmerz sehr groß war.

Hiobs Freunde kamen und saßen stumm bei ihm, sieben Tage und Nächte lang. Sie waren da und gingen nicht weg. Und so hielten sie gemeinsam mit Hiob seinem Leid stand.

Und das möchte ich jetzt sofort festhalten: Wenn wir Menschen helfen wollen, die durch bitteres Leid gehen, dann steht immer dieses an erster Stelle: Dass wir da sind, einfach da sind. Lange da sind, und mit ihnen dem Leid standhalten. Wir müssen es machen wie Hiobs Freunde, die tagelang bei ihm in der Asche seines Hauses saßen und mit ihm dem Leid standhielten. Später haben Hiobs Freunde dann Fehler gemacht. Aber der Anfang war gut!

Und nun noch etwas: Wenn Christen von handfestem schweren Leid getroffen werden, dann haben sie immer und immer Jesus, an den sie sich wenden können. Sie haben Jesus, der größer ist als ihr Leid, und der mit ihnen weitergehen wird. Aber: Viele, viele Menschen heute haben das nicht! Sie haben keine persönliche Beziehung zu Jesus. Sie kennen ihn nicht. Und darum, weil das so ist, brauchen sie zuallererst unsere menschliche Nähe. Es ist viel, wenn wir die geben können.

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Der Mann blickt mich jetzt voll an. Wissen Sie, was ich mich frage?“ – Sein Gesicht bekommt einen bitteren Zug um die Mundwinkel. „Ich frage mich: Womit habe ich das eigentlich verdient, dass der liebe Gott mich so straft?“

Diese Frage höre ich sehr, sehr oft: "Womit habe ich das verdient, dass der liebe Gott mich so straft?" Meist kommt diese Frage, wenn ein Mensch sich sein ganzes Leid von der Seele geredet hat. „Womit habe ich das eigentlich verdient, dass der liebe Gott mich so straft? Wo ich doch nie einem Menschen etwas zuleide getan habe, sondern geholfen, wo immer ich konnte!“ – Das ist sie, die Frage aller Fragen. Fast alle stellen sie, die durch tiefes Leid gehen. Es ist die Frage nach der Gerechtigkeit Gottes. Warum – so lautet die Frage – ist Gott derart ungerecht zu mir? – Selbst hartgesottene Atheisten und Spötter stellen diese Frage. Menschen, die ein ganzes langes Leben ohne Gott gelebt haben, werden an dieser Stelle ganz plötzlich religiös: "Womit habe ich das verdient, dass der liebe Gott mich so straft?"

Wenn die ganze Situation nicht so bitterernst wäre, könnte man fast darüber lachen. Denn es steckt eine Menge Scheinheiligkeit in dieser Frage. Denn bitte: Den Menschen möchte ich sehen, der das  wirklich von sich behaupten könnte, dass er noch nie (!) einem Menschen etwas zuleide getan habe. So einen Menschen gibt es nicht, sieht man einmal von Jesus ab. Jeden Tag verletzen wir andere Menschen: Mit Worten oder Taten, mit Geringschätzung, mit Ignoranz, mit Kälte, mit harten, spitzen Worten. Das ist ja gelogen, wenn ein Mensch von sich behauptet, er habe noch nie einem anderen etwas zuleide getan! Und „immer nur geholfen“?, das ist ja auch eine Aussage, die platt gelogen ist! Wie oft bleiben wir denn anderen Hilfe schuldig? Oft, sehr oft! Aus Bequemlichkeit, aus Gleichgültigkeit, aus kleinlichem Vergeltungsdenken, aus Überheblichkeit. Es ist offensichtlich!

Trotzdem wird diese Frage immer wieder gestellt: "Womit habe ich das eigentlich verdient, dass der liebe Gott mich so straft?" Und warum wird sie immer wieder gestellt? Antwort: Weil ein Schuldiger gesucht wird, den man für das eigene Leid verantwortlich machen kann. Ein Prügelknabe: Gott hat es nicht gebracht, sagt man. Gott hat versagt. Es wäre seine verdammte Pflicht und Schuldigkeit gewesen, für die Abwesenheit von Leid zu sorgen. Aber Gott hat versagt! Und darum darf man ihn jetzt anklagen.

Das Verrückte dabei ist, dass diejenigen, die jetzt Gott anklagen und ihm Versagen vorwerfen, Jahre und Jahrzehnte munter ohne ihn gelebt haben. Sie haben ihn mit äußerster Kaltschnäuzigkeit so behandelt, als wäre er Luft. Und jetzt, wo tiefes Leid sie trifft, fällt ihnen nichts Besseres ein, als ihn voller Bitterkeit anzuklagen. Sie wollen, dass Gott dafür sorgt, dass sie ihr gottloses Leben – bitteschön – ungestört fortsetzen können. Sie entlarven sich dabei selbst als Sünder – ohne es gewahr zu werden.

Soweit, so klar. Die Frage ist nur: Soll ich all das dem Mann, der da vor mir im Bett liegt, sagen? Soll ich seine Scheinheiligkeit entlarven? Soll ich ihm zeigen, wie scheinheilig seine  Anklage gegen Gott ist? Soll ich ihn darauf stoßen, dass er sich gerade selbst als äußerst kaltschnäuzigen Sünder entlarvt hat?

Ich glaube nicht, dass das zu diesem Zeitpunkt weiterhelfen würde. Jemand, der durch tiefes Leid geht und sich dann plötzlich auf der Anklagebank wiederfindet, reagiert abwehrend, empfindet das als Zumutung. Ich merke mir also dieses schwierige Thema für einen späteren Zeitpunkt vor. Dann kann und muss es angesprochen werden.

Für den Augenblick halte ich darum die Scheinheiligkeit erst einmal aus. Ich verzichte vorerst darauf, klarzumachen, dass Gott kein himmlisches Service-Unternehmen ist, das man nach Belieben an- oder abbestellen kann. Ich verkneife mir auch den Hinweis, dass es doch ein reichlich seltsamer Gedanke ist, dass Gott alles Leid von einem fernhalten soll, damit man selbst umso ungestörter gottlos leben kann. Was der Mann im Bett jetzt braucht, ist eine neue Perspektive für die Zukunft. Und die kann ich ihm geben.

„Ich weiß nicht, warum ausgerechnet Sie ausgerechnet dieses Leid getroffen hat“, sage ich, „aber eins weiß ich: Gott ist wirklich da, und er hat eine gute Zukunft für Sie!“ Der Mann blickt mich aufmerksam an, sagt aber nichts. „Also, ich weiß nicht, welche Rolle Gott in den vergangenen Jahren in Ihrem Leben gespielt hat ...“, fahre ich fort.

Der Mann verzieht die Lippen zur Andeutung eines Lächelns: „Naja, große Kirchgänger waren wir nicht ...“, murmelt er.

Ich nicke. „Na, da gehören Sie ja zur Mehrheit! Und jetzt möchte ich Ihnen etwas sagen, das mir sehr wichtig ist: Gott ist nicht daran interessiert, dass Sie ihn mit Leistungen beeindrucken. Er zählt nicht nach, wie oft Sie den Gottesdienst besuchen. Er führt auch keine Liste mit Ihren guten Taten. Ihm liegt an etwas anderem: Er möchte in Ihrem Leben wohnen. Und zwar nicht irgendwo in der Rumpelkammer oder knapp hinter dem Gartenzaun, sondern in der innersten Mitte Ihres Lebens. Da will er hineinkommen, und dort will er wohnen. Er liebt Sie und möchte, dass Sie ihn auch lieben. Aber er drängt sich nicht auf. Er möchte hereingebeten werden. Dann kommt er wirklich und macht aus Ihrem Leben etwas Neues, Gutes! Er gibt Ihnen eine neue, gute, helle Zukunft. Es ist sogar eine ewige Zukunft. Das heißt sie beschränkt sich nicht auf die paar Jahre hier auf der Erde! Und wenn er in Ihr Leben kommt, dann haben Sie diese Zukunft. Gott bringt sie gewissermaßen mit. Sie können das persönlich erfahren! Jetzt gerade sieht es für sie so aus, als wäre Ihr Leben praktisch zu Ende. Aber mit Jesus bekommen Sie eine neue, reale, gute Zukunft. Jesus würde sie Ihnen so gern geben!“

Nach Hören, Begleiten und Verstehen kommt es zum Bekenntnis. Und wiederum: Das Bekenntnis hat Gewicht! Es hat Glaubwürdigkeit, weil ich mir die Zeit genommen habe, um mit meinem Gesprächspartner wirklich zuzuhören, ihn zu begleiten, ihm beizustehen und ihn zu verstehen. Das heißt: Ich habe ihm gezeigt, dass er mir wirklich wichtig ist. Das gibt dem Bekenntnis zu Jesus Gewicht.

Der Mann blickt mich an: „Sowas höre ich heute zum ersten Mal“, sagt er. - „Na, dann wurde es ja höchste Zeit“, antworte ich.

„Aber warum hat er dann all das Schlimme in meinem Leben zugelassen“, fragt der Mann. Ich schaue ihn an: „Das weiß ich nicht genau. Aber darf ich Ihnen eine Gegenfrage stellen?“ Der Mann nickt. „Nur zu!“

„Mal angenommen, es hätte nie ein schwerwiegendes Leid in Ihrem Leben gegeben, alles wäre immer prima und glatt gelaufen. Hätten Sie jemals nach Gott gefragt?“

Der Man starrt mich an, wendet dann seinen Blick ab. Irgendwann stößt er ein winziges Lachen aus. „Wenn ich ehrlich bin: Ich glaube nicht!“

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Ich spüre, dass unser Gespräch für heute zu einem Abschluss kommt. Natürlich gäbe es im Prinzip noch so viel zu sagen. Ich müsste eigentlich über Schuld und Vergebung sprechen, über Rettung und Verlorenheit, Neugeburt im Heiligen Geist und vieles, vieles andere mehr. Aber ich kann nicht alles auf einmal ansprechen. Es wäre zu viel. Ich hoffe auf weitere Gespräche, in denen ich vertiefen und weiterführen kann.

Heute biete ich meinem Gegenüber an, noch für ihn zu beten. Ich möchte, dass er praktisch erlebt, dass Jesus wirklich für ihn persönlich da ist. Der Mann stimmt zu.

So spreche ich im Gebet alles an, was er an Leid erfahren hat: Die langen Monate im Krankenhaus, den Verlust des Beins und den Tod seiner Frau. Ich möchte, dass er weiß, dass sein Leid vor Gott wirklich zählt. Ich danke Jesus, dass er mein Gegenüber kennt und liebt und gern in sein Leben kommen würde. Ich danke ihm auch, dass er eine gute, helle Zukunft für meinen Gesprächspartner hat. Ich schließe das Gebet mit der Bitte, dass Jesus meinem Gesprächspartner begegnen, ihn segnen und ihn stärken möge.

Bevor ich den Raum verlasse, frage ich den Mann, ob ich ihn gelegentlich wieder besuche soll. Er lächelt und sagt: „Gern!“ Da weiß ich: Heute ist zwischen ihm und mir ein verlässlicher Kontakt gewachsen. Ich möchte diesen Kontakt nutzen, um diesem Mann noch möglichst viel von der rettenden Wahrheit Gottes zu vermitteln.


 Der junge Auszubildende wirkt verdrossen, als er sich in meinem Arbeitszimmer auf einen Sessel wirft. Ich lege den Kopf ein wenig auf die Seite und schaue ihn an: „Na, dieser Tag ist irgendwie nicht nach Wunsch verlaufen für Sie ...“ eröffne ich das Gespräch.

 

„Dieser Tag?“ Der junge Mann schüttelt grimmig den Kopf. „Wenn´s nur dieser Tag wäre! Macht doch alles keinen Sinn!“

Ich schaue ihn erwartungsvoll an: „Was ist da gewesen?“, frage ich behutsam zurück. „Da war doch was ...!“

Mein Gegenüber sieht immer noch grimmig vor sich hin, nickt dann: „Löten, löten, löten ...“, stößt er schließlich hervor. „Schaltungen auf der Platine löten. Was falsch machen. Von vorne anfangen. Löten, löten, löten. Und immer noch nicht gut genug. Weiter löten, löten, löten. Endlich fertig. Und schon kommen die nächste Schaltung und die nächste Platine. Und wieder: Löten, löten, löten. Ich kann kein Lötzinn mehr riechen. Und dann die Ausbilder ...“ Er schüttelt den Kopf. „Macht doch alles keinen Sinn!“

Ich habe den Satz auf der Zunge, dass Arbeit manchmal die unerwünschte Nebenwirkung hat, anstrengend zu sein, hüte mich aber diesen Satz auszusprechen. Hinter der Verdrossenheit meines Gegenübers steckt mehr als nur der Frust eines Tages. Ich lasse ihm Zeit und bleibe im Hören.

„Noch ein halbes Jahr, dann kommt die Zwischenprüfung. Dann mache ich noch ein Jahr. Dann bin ich fertig. Wenn´s gut geht, finde ich einen Job und dann mach´ ich weiter. Tag für Tag. Aber wozu das alles, - das hat mir noch keiner sagen können.“

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„Seit wann haben Sie diese Gedanken?“, frage ich zurück. „Waren die immer schon da, oder hat es da einen Anfang gegeben?“ Mein Gegenüber sieht mich an: „Seit wann?“, fragt er. „Seit ich auf dem Friedhof gestanden habe.“ - „Auf dem Friedhof?“, wiederhole ich überrascht. „Können Sie mir ein bisschen mehr davon erzählen?“

 

Mein Gegenüber lacht bitter auf: „Einen Moment nicht aufgepasst und >wamm!< ...! Zwei abgelenkte Sekunden beenden dein Leben ...“ 

„Ein Freund von Ihnen?“

Er nickt. „Ist jetzt sechs Wochen her. Keiner weiß, wie´s genau passiert ist. Er saß allein im Auto. Aus der Kurve geflogen und das war´s. Einfach so. Weg. Tot. Ich war bei der Trauerfeier. Stand an seinem Grab. Hab Sand auf den Sarg heruntergeworfen. Hab gedacht: Das war´s, mein Lieber. Das war dein Leben! Ich hab´ mich äußerst mies gefühlt.“

Ich nicke ihm zu. „Das war bitter. Das kann ich gut nachvollziehen. War es Ihr bester Freund?“

Er schüttelt trübe den Kopf. „Ein Freund halt, nicht der Beste. Aber darum geht´s auch nicht. Als ich da an seinem offenen Grab stand und die Eltern sah, die so furchtbar weinten, da kam ´ne Frage in mir hoch: Was wäre, wenn ich jetzt dort unten läge und er stünde hier oben? Wozu wäre mein Leben dann gut gewesen? Wozu? Echt, mir fiel keine Antwort ein!“

„Und seitdem bewegt Sie diese Frage?“ – Er nickt.

„Und Sie fragen sich jetzt, warum in aller Welt Sie noch mit der Ausbildung weitermachen sollen?“ – Er nickt wieder.

„Wo doch - scheinbar wenigstens - alles egal ist?“ Nochmaliges Nicken.

 „Wissen Sie was ...“ – Er blickt auf. „Die Erfahrung auf dem Friedhof. Die war knallhart. Aber sie hat auch eine gute Seite!“

Der junge Mann lacht bitter: „Eine gute Seite?“

„Ja, ich glaube schon! Ihre Seele hat Ihnen am offenen Grab Ihres Freundes eine Frage gestellt. Und das war eine gute Frage, eine sehr gute sogar! Die Frage lautet ...“

„Wozu ist mein Leben gut?“, vervollständigt mein Gegenüber den Satz.

„Genau. Das ist die Frage: >Wozu ist mein Leben gut?< Das ist eine sehr gute Frage. Nur wenige Menschen stellen sie so bewusst und so direkt. Seien Sie Ihrer Seele dankbar, dass sie diese Frage so klar gestellt hat.“

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Mein Gegenüber sagt nichts. Aber ich spüre, dass meine Worte doch bei ihm angekommen sind. Gemeinsam stehen wir vor der Frage, die nur der Mensch stellt: Wozu ist mein Leben gut? Wozu bin ich auf der Welt? – Was für ein Vorrecht, mit diesem jungen Menschen jetzt diese Frage erforschen und ausloten zu dürfen! Was für ein Vorrecht, jetzt mit ihm tiefer graben zu dürfen und die Länge, Breite und Tiefe dieser Frage auszuloten!

 

„Haben Sie eine Ahnung, wo Antwort auf Ihre Frage zu finden sein könnte?“, frage ich.

Er denkt nach. Schüttelt dann den Kopf. „Ich habe keine Ahnung!“, sagt er ratlos. „So wie es jetzt aussieht, macht gar nichts einen Sinn. Welchen Sinn kann ein Leben haben, wenn es doch mit dem Tod endet? Welchen?“

„Ok, ich verstehe“, antworte ich. „Vielleicht hilft es, wenn wir erst mal das Gelände erforschen und herausfinden, ob wir irgendwo wenigstens den Zipfel einer Antwort zu fassen bekommen. Im Hinterkopf haben wir dabei immer unsere große Frage: >Wozu ist das Leben gut? Wozu bin ich auf der Welt?<

Der Blick des jungen Mannes wird ein wenig fester, entschlossener. „Ok“, sagt er, „versuchen wir´s!“

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„Reden wir als erstes über Geld!“, schlage ich vor. „Soweit ich das beurteilen kann, sind viele Menschen der Meinung, dass viele ihrer Probleme gelöst wären, wenn sie nur über genügend Geld verfügen könnten. Warum sonst würden so viele Leute jede Woche ihren Lottoschein ausfüllen? Nehmen wir also an, Sie hätten sechs Richtige im Samstags-Lotto und auch die Superzahl wäre die, die Sie getippt hätten! Plötzlich hätten Sie 39 Millionen €uro auf dem Konto. Was wäre dann ...?“

Mein Gegenüber lächelt. „Dann wäre ich viele Sorgen los“, sagt er. „es wäre das große Glück! Keine Arbeit mehr, keine Vorgesetzten, die was zu melden haben, Riesenwohnung, Reisen, schicker Ferrari vor der Tür, jeden Tag Urlaub. Es wäre gigantisch!“

„Stimmt!“, sage ich, „gigantisch! Sie hätten sehr Vieles, wovon andere nur träumen könnten. Und bei 39 Millionen könnte das auch wohl ein Weilchen so bleiben. Die Frage ist nur: Würde das Geld Ihre Frage beantworten: >Wozu ist das Leben gut? Wozu bin ich auf der Welt?< - Würden die 39 Millionen diese Frage automatisch beantworten? Wie steht es? Was meinen Sie?“

Mein Gegenüber starrt vor sich hin. Denkt nach. Endlich sagt er: „Es wären viele Probleme gelöst, die ich jetzt habe. Aber die Frage wäre immer noch unbeantwortet. Ich hätte sehr viel Geld. Aber die Frage: >Wozu bin ich auf der Welt?<, wäre nach wie vor offen. Allerdings: Vielleicht würde ich die Frage erst mal nicht mehr stellen. Ich wäre ja mit dem schönen Geldausgeben beschäftigt.“

„Das vermute ich auch“, gebe ich ihm recht. „Aber denken wir mal einen Schritt weiter. Nehmen wir an, Sie hätten von all dem vielen Geld Ihr Traumhaus gekauft und den Ferrari in die Garage gefahren. Nehmen wir weiter an, Sie hätten die Welt bereits fünfmal bereist und sich mit Designer-Klamotten ganz neu eingekleidet. Nehmen wir schließlich auch noch an, Sie säßen eines Abends mit dem Champagnerglas in der Hand in Ihrem 5000Quadratmeter-Park. Wüssten Sie damit , wozu Ihr Leben gut ist und – wozu Sie auf der Welt sind?“

„Ich bin mehr der Biertrinker. Mit Champagner habe ich es nicht so!“, grinst mein Gegenüber.

„Oh, sehr gern!“, erwidere ich. „Also, Sie sitzen mit Ihrem eisgekühlten Bier in der Hand in Ihrem 5000-Quadratmeter-Park. Hätten Sie damit automatisch Antwort auf die Frage: >Wozu bin ich auf der Welt?<“

Mein Gegenüber lacht. „Nein“, sagt er. „Hätte ich nicht! Ich wäre nur etwas reicher. Aber ich wäre genauso ratlos wie heute!“

„Das denke ich auch“, antworte ich. Und jetzt lassen Sie uns noch eine Schippe tiefer graben: Haben Sie eine Ahnung, warum – trotz des vielen Geldes – Ihr Leben noch genauso sinnlos wäre wie heute?“

Der junge Mann lehnt sich im Sessel zurück. „Ja, warum?“, sagt er leise. „Warum bloß wäre dann immer noch alles sinnlos? Warum nur?“

Eine Weile kehrt Stille ein. Ich hüte mich diese Stille zu unterbrechen. Es ist eine produktive Stille. Schließlich blickt der junge Mann auf: „Ich glaube, ich weiß die Antwort“, sagt er dann. „Es wäre immer noch alles sinnlos, weil ich kein Ziel hätte. Ja, ich hätte kein Ziel für mein Leben ...“

„Genauso ist es!“, antworte ich. Sie entdecken gerade das Geheimnis eines echten Lebens-Sinns. Ein Leben wird immer dann sinnvoll, wenn es ein echtes Ziel hat. Sinn und Ziel hängen immer unmittelbar zusammen. Ohne Ziel kein Sinn im Leben! Das ist die Regel! Was Sie also tatsächlich suchen, das ist ein Ziel, ein großes, gutes Ziel für Ihr Leben. Und wenn Sie das haben, dann wird Ihr Leben sinnvoll. Dann wissen  Sie, wozu Sie auf der Welt sind! Dann ist Ihre Frage beantwortet!“

Quelle:  pixabay
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In den Augen meines Gegenübers glimmt etwas auf. Ein Funke. Ein Funken Hoffnung. Er pfeift leise durch die Zähne. „Was ich tatsächlich suche, ist ein Ziel“, sagt er leise. „Wäre ich nie drauf gekommen!“

 

„Doch, sind Sie!“, antworte ich. Ich habe Ihnen nur geholfen, eine Schippe tiefer zu graben.“

„Ein Ziel, ein Ziel ...“, wiederholt mein Gegenüber. „Was ich brauche, ist ein Ziel. – Aber fängt damit die ganze Ratlosigkeit nicht wieder von vorne an, nur anders?“

„Zumindest sieht es erst mal so aus“, antworte ich. „Einen Vorteil allerdings haben Sie sich erobert: Sie wissen jetzt genauer, wonach Sie suchen! Und das ist allemal besser als ein wildes Stochern im Nebel.“

„Gehen Sie mit mir auf die Suche?“, fragt der junge Mann. „Zu zweit ist es irgendwie leichter als allein ...“

„Sehr gerne! Die Frage ist nur: Sollen wir jetzt weitermachen oder einen neuen Gesprächstermin vereinbaren? Reichen Ihre Kräfte noch  nach einem langen Ausbildungstag? Oder sind Sie eigentlich erschöpft?“

Mein Gegenüber grinst schief: „Ich habe Blut geleckt!“, sagt er „Ich würde mir und meinem Leben gern auf die Schliche kommen.“  - „Also weiter?“, frage ich. Er nickt. 

„Ok, dann würde ich vorschlagen, wir nehmen uns ein bekanntes Lebensziel vor und klopfen es ein bisschen auf seine Tragfähigkeit ab“, sage ich. „Ich denke, dabei wird einiges klar werden. Was meinen Sie, welches Lebensziel zählt heute zu den gängigsten?“

„Liebe“, sagt er spontan. „Liebe und Familie und so ... Das große Glück halt.“

„Gut, reden wir darüber ...“, antworte ich. „Ich schlage vor, wir gehen vom günstigsten Fall aus! Wir gehen also davon aus, dass die Liebe hält, auch über Jahrzehnte und dass die Familie mit den Kindern nicht irgendwann auseinandergeht. Wir berücksichtigen also erst mal nicht, dass zwei Drittel aller Ehen in Deutschland geschieden werden und entsprechend viele Familien auseinanderbrechen. Wir gehen einfach mal vom günstigsten Fall aus, dass alles prima läuft. Wohin bringt uns das?“

„Naja“, sagt mein Gegenüber gedehnt, „ich würde sagen, da haben zwei Menschen ihr Ziel erreicht: Sie leben in der Liebe zueinander!“

„Stimmt!“, antworte ich. „Die beiden sind ein liebendes Paar. Aber jetzt stellt sich die Frage: Wozu sind die beiden – das liebende Paar – da? Wozu sind sie auf der Erde?“

„Na, um ihre Kinder zu lieben, nehme ich an, - wenn sie Kinder haben, antwortet mein Gegenüber.“

„Gut! Aber schon wieder stellt sich eine ganz ähnliche Frage“, bohre ich nach. „Die Frage lautet: Wozu sind sie als Familie da? Wozu sind sie als Familie auf der Erde? Wozu?“

Nachdenkliches Schweigen.

„Vielleicht, um die Menschen um sie herum zu lieben ...?“ Mein Gegenüber zuckt etwas ratlos mit den Schultern.

„Ok, aber damit schieben wir die Frage nur eine Station weiter. Jetzt lautet die Frage: Wozu sind sie da, zusammen mit all denen um sie herum, die sie lieben? Wozu sind sie auf der Welt? Diese Frage bleibt, egal wie weit man den Kreis schlägt. Und sie verlangt nach Antwort.  – Bitte verstehen Sie mich nicht falsch: Es ist wunderbar, wenn das gelingt, dass Menschen sich lieben und diese Liebe dann auch noch bewähren. Ich will das überhaupt nicht klein machen. Aber die Tatsache, dass Menschen sich lieben, liefert nicht die Antwort auf die Frage: „Wozu sind wir Menschen da? Wozu sind wir auf der Welt?“

Mein Gegenüber nickt zögernd. „Die Sache ist schwieriger, als ich dachte“, sagt er leise.

„Nun kann man diesen Faden sogar noch ein bisschen weiter ausspinnen“, gebe ich zu bedenken. Wenn Menschen sich für andere engagieren, in der Diakonie vielleicht oder in der Politik, um das Zusammenleben der Menschen zu verbessern, dann tun sie unstrittig etwas Gutes. Aber am Ende des Tages stehen sie wieder vor derselben Frage: Wozu bin ich und wozu sind all die Menschen da, für die ich mich engagiere? Wozu sind sie, wozu sind wir alle auf der Welt?“

„Ich verstehe“, sagt der junge Mann langsam. „Vielleicht gibt es ja gar keine Antwort auf die Frage nach dem großen Ziel des Lebens. Vielleicht sind alle Ziele zu klein, die man so ansteuern kann. Vielleicht hatte ich doch mit meiner Vermutung recht, dass sowieso alles keinen Sinn macht.“

„Sind Sie sicher?“, frage ich zurück. „Ich würde etwas vorsichtiger formulieren: In dieser Welt gibt es keine Antwort.“

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Mein Gegenüber mustert mich skeptisch. „Kommt jetzt der liebe Gott ins Spiel? Mit dem habe ich nichts am Hut!“

 

„Ich dränge Sie zu nichts!“, erwidere ich. Aber versuchen wir, unseren Gedanken zu Ende zu denken. Es gibt eine kleine Schrift, nur ein paar Seiten lang, die heißt >Kleiner Westminster Katechismus<.  Darin geht es um die wichtigsten Dinge des Glaubens. Und dort findet sich eine interessante Antwort auf unsere Frage. Sie lautet: >Hauptziel des Menschen ist es, Gott zu verherrlichen und sich für immer an ihm zu erfreuen.< Das will sagen: >Hauptziel< - hier ist also von dem Ziel die Rede, nach dem wir beide suchen – jedes Menschen ist es, seine Begeisterung und seine Liebe zu Gott mit seinem ganzen Leben auszudrücken und sich für immer an Ihm zu erfreuen.< Und jetzt wollen wir nur mal für sechzig Sekunden (ich denke, das halten Sie aus!) annehmen, es gäbe Gott wirklich. Würde uns dann der Satz aus dem Westminster Katechismus eine Antwort auf die Frage liefern: >Wozu ist mein Leben gut? Wozu bin ich auf der Welt<?

Mein Gegenüber schweigt. Dann sieht er mich an. „Wenn es Gott gäbe, dann wäre das ein klares Ziel. Ich nehme auch an, es wäre ein Ziel, das groß genug ist.  Ich wäre dann mit meinem ganzen Leben dazu da, um meine Begeisterung über und Liebe zu Gott auszudrücken und mich für immer an ihm zu erfreuen.“

Ich nicke ihm zu: „Aber was würde das für Ihr Leben bedeuten? Ganz praktisch meine ich!“

Der junge Mann stützt sein Kinn auf seine Hand. „Ich nehme mal an, auch mein derzeitiger Beruf, den ich grad lerne, würde ein Rolle spielen beim >Gott verherrlichen<, sagt er. „Gott käme sogar beim Löten meiner Platinen ins Spiel. Ich würde die blöden Dinger so perfekt hin-löten, wie ich nur könnte. Schließlich würde ich ja auch damit meine Liebe und Begeisterung Gott gegenüber ausdrücken. Aber auch mein Umgang mit den Vorgesetzten, den Ausbildern wäre berührt und sogar mein Umgang mit allen anderen in der Abteilung ... Überall würde ich versuchen, mit meinem Verhalten auch meine Liebe und Begeisterung für Gott auszudrücken. Alles in meinem Leben würde sich auf dieses eine große Ziel ausrichten: >Gott zu verherrlichen und mich für immer an Ihm zu erfreuen.< Und“ – er seufzt – „mit diesem Ziel käme ich wohl nie an ein Ende. Denn Begeisterung und Liebe für Gott ausdrücken könnte ich ja immer! Ich käme nie an ein Ende damit. – Ja, das wäre ein Ziel! Aber – ich kann nun mal nicht an Gott glauben!“

„Das macht erst mal nichts!“, erwidere ich. „Ich denke, wir sollten jetzt nur dies eine festhalten: In der Welt um uns herum findet sich keine tragfähige Antwort auf die Frage: >Wozu ist mein Leben gut? Wozu bin ich auf der Welt?< Antwort findet sich nur, wenn man über den Tellerrand dieser Welt hinausblickt. Antwort findet sich nur, wenn der Lebendige Gott ins Spiel kommt! Dann – ergibt alles einen guten Sinn! – Und Sie haben noch einen entscheidenden Vorteil dabei. Vorhin haben Sie gesagt: Welchen Sinn kann ein Leben haben, wenn es doch mit dem Tod endet? War es nicht so? Nun, also: Wer in der Liebe zu Gott lebt und Ihn verherrlicht mit seinem ganzen Leben, dessen Leben endet nicht im Grab auf dem Friedhof. Dessen Leben geht durch den Tod wie durch eine Zwischenstation hindurch, und geht weiter in Gottes unmittelbare Gegenwart und lebt dort ewig. Lebt in Gottes Gegenwart, um Ihn eine ganze Ewigkeit lang zu verherrlichen und sich an Ihm zu freuen. Verstehen Sie: Verglichen mit der Ewigkeit ist Ihr Leben hier auf der Erde nur ein „Klacks“!

„Ja, aber ich glaube eben nicht an Gott ...!

Ich hole tief Luft. Denn jetzt kommt der Augenblick des Bekenntnisses! „Ok“, sage ich, „dann setze ich jetzt mal Ihrem Nicht-Glauben-Können meinen Glauben entgegen. Ich sage: Es gibt ihn wirklich, auch wenn Sie das gerade jetzt noch für völlig unmöglich halten. Es gibt ihn wirklich, den ewigen, persönlichen Gott, der unsere Welt und das uns umgebende Universum erst plante und dann entstehen ließ. Er ist wirklich da. Ich stehe mit meiner Person dafür ein. Auch Sie können ihn kennenlernen. Und wenn das geschieht, wird Ihr Leben plötzlich Sinn machen!“

Mein Gegenüber sieht mich zweifelnd an: „Und wie soll es – Ihrer Meinung nach – dazu kommen?“

„Ich mache Ihnen einen Vorschlag: Ich gebe Ihnen jetzt ein ganz kurzes Gebet. Wenn Sie wollen – das ist völlig Ihnen überlassen – beten Sie es jeden Tag immer wieder, und zwar so ehrlich, wie Sie es gerade können.

„Und wie lautet das Gebet?“

„Es ist sehr einfach! Es lautet: >Gott, wenn es Dich wirklich gibt, dann möchte ich Dich kennenlernen!< Das ist alles! Beten Sie dieses Gebet, wenn Sie allein und ungestört sind. Tun Sie das immer wieder! Es würde mich sehr wundern, wenn Gott darauf nicht reagieren würde. Tatsächlich wartet er längst darauf, dass Sie sich an ihn wenden.“

Mein Besucher schweigt. Dann sagt er: „Ich werde darüber nachdenken. Danke, dass Sie sich so viel Zeit für mich genommen haben!“

Als mein Besucher gegangen ist, lasse ich das Gespräch noch einmal an mir vorüberziehen. Wieder wird mir deutlich, wie wichtig es ist, die Fragen und Anliegen, die meine Gesprächspartner haben, ganz ernst zu nehmen und genau dort anzusetzen. Sie haben dann – zu Recht – den Eindruck, dass ich sie sehr ernst nehme und gemeinsam mit ihnen sorgfältig über das nachdenke, was sie umtreibt. An irgendeiner Stelle hat dann das Bekenntnis zu Jesus seinen Platz. Man kann drauf warten. Diese Stelle zeigt sich! An dieser Stelle kann dann das Bekenntnis zu Jesus ansetzen und seine Wirkung entfalten, weil es individuell auf den einzelnen und seine Lebenssituation hin zugespitzt und formuliert wird.


(c) beim Autor
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Es war eine kalte, stockfinstere Nacht, als ein Schiff mit 22, 5 Seemeilen pro Stunde durch den Atlantischen Ozean pflügte. Dann bemerkte einer im hoch oben im Krähennest etwas, das noch dunkler war als die Nacht. „Ein Eisberg, genau vor uns“, rief er. Von diesem Moment an trennten nur noch 37 Sekunden mehr als 2. 200 Menschen von der Katastrophe. Als der erste Offizier das Kommando gab: „Ruder hart backbord, Maschinen äußerste Kraft zurück!“, war es bereits zu spät. Der Rumpf des Schiffes wurde von dem Eisberg über eine Länge von 100 Metern aufgerissen. Drei Stunden später lag die stolze >Titanic< am Meeresgrund.

 

73 Jahre ruhte sie dort unentdeckt und vielleicht würde sie immer noch verborgen dort liegen. Aber da gab es einen  Menschen, den hatte eine Sehnsucht gepackt: Robert Ballard wollte die gesunkene >Titanic< und ihre Schätze unbedingt finden. 13 Jahre lang suchte er nach dem gesunkenen Luxusliner. 13 Jahre voller Arbeit und harter Bemühungen. 13 Jahre voller diplomatischer Schachzüge und technischer Perfektionierung seines Unterwasser-Equipments. 13 Jahre voller Rückschläge und Lichtblicke. Aber dann, am 1. September 1985 entdeckte Ballard in 4000 Metern Tiefe die >Titanic<. In seinem Bericht schreibt er: „Es war mein lebenslanger Traum, dieses große Schiff zu finden, und während der letzten 13 Jahre hat mich diese Sehnsucht nie losgelassen.“

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Die Voraussetzung dafür, dass ein Mensch mit seiner Schuld zu Jesus kommt, seine Schuld bereut und bekennt und dann von Jesus Vergebung empfängt, ist, dass er sich zuvor – vielleicht über einen längeren Zeitraum hinweg -  auf  die Suche nach Gott gemacht hat. Die Sehnsucht und - daraus folgend – die Suche nach Gott ist die Voraussetzung für die Bewältigung der Schuld, die jeden Menschen von Natur aus von Gott trennt. Ohne Sehnsucht nach Gott keine Suche nach Gott. Und ohne Suche nach Gott – keine Bewältigung der Schuld! So ist die Ordnung.

 

Schauen wir uns das näher an: Wie kommt  Sehnsucht nach Gott in das Herz eines Menschen? Antwort: Sie ist immer schon da. Jeder Mensch trägt sie in sich. Jeder von uns ist mit seinem ganzen Wesen auf Gott hin angelegt. Ohne Gott sind wir nicht komplett, sind unvollständig, man könnte auch sagen „behindert“.  Der Lebendige Gott hat also sozusagen seinen Fingerabdruck auf unserm Herz hinterlassen. Und darum ist eine Sehnsucht nach Ihm in uns allen. Das – ist ganz natürlich! Im Buch des Predigers (Pred 3, 11) heißt es: Gott hat alles vortrefflich gemacht zu seiner Zeit. Auch hat er den Menschen die Ewigkeit ins Herz gelegt – nur das der Mensch das Werk, das Gott getan hat, nicht von Anfang bis Ende ergründen kann.

Die Sehnsucht nach Gott ist immer schon in jedem Menschen da. Allerdings: Man kann diese Sehnsucht unterdrücken, zuschütten, knebeln, tabuisieren! Oh ja! Und viele Menschen tun das auch! Sie unterdrücken ihre Sehnsucht nach Gott mit dem Gedanken, dass Gott eine Illusion sei. Sie schütten sie zu mit Arbeit und Anschaffungen. Sie knebeln sie mit der Sucht nach Erfolg und Aufstieg und Karriere. Und sie tabuisieren sie mit der Behauptung, dass man Gott – wenn es ihn denn gäbe – sowieso nicht finden könne.

Trotzdem können sie die Sehnsucht nach ihrem Schöpfer nie ganz wegbekommen. Sie meldet sich immer wieder einmal und macht sie unruhig: In einer schlaflosen Nacht, im Moment großen Glücks oder am offenen Grab eines Angehörigen. Dann haben sie zu kämpfen, um die aufkommende Sehnsucht wieder zu bändigen. Und oft gelingt das. Und so begeben sie sich nie auf die Suche nach Gott und – finden ihn natürlich auch nie.

Dann gibt es die, die die Sehnsucht nach Gott durchaus – wenigsten zeitweise - in sich zulassen. Aber sie sind zu träge, zu bequem, um sich auf die Suche zu machen. Sie wollen die Mühen der Suche – die Gott uns in der Tat zumutet – nicht auf sich nehmen. Sie wollen Gott frei Haus geliefert bekommen und sich keinen Zentimeter bewegen. Sie ahnen dabei, dass sie sich falsch entscheiden. Sie ahnen, dass sie die Zeit ihres Lebens in fahrlässiger Weise verplempern. Aber die Trägheit siegt. Und so kommt es auch bei Ihnen nie zum Finden.

Und dann gibt es die, die sie verzehrende Sehnsucht nach Gott in sich spüren und losgehen und aufbrechen und sagen: „Es ist mir egal, wie lange es dauert. Es ist mir gleich, wie viel Mühen es mich kosten wird. Ich muss Gott suchen und finden! Ich muss! Denn dies ist die vornehmste Aufgabe meines Lebens. Und solange die nicht gelöst ist, ist alles andere sinnlos!“ So sagen sie und gehen los. Ihre Sehnsucht macht ihnen Beine!

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Wie sieht diese Suche nach Gott aus? Nun, sie hat viele Gesichter!

 

Am Anfang steht für die allermeisten das Gebet, also das Reden mit Gott. Vielleicht haben sie nie gebetet in ihrem bisherigen Leben. Vielleicht drücken sie sich holprig und ungeschickt aus. Vielleicht versuchen sie es zunächst mit einem lange vergessenen Kindergebet oder einem Vaterunser. Aber bald werden sie kühner. Sie wagen es, die innersten Gedanken ihres Herzens direkt vor Gott auszusprechen. Sie sagen: „Herr, wenn es dich gibt, dann möchte ich dir sagen, dass ich mich nach dir sehne!“ Oder: „Jesus, wenn du wirklich da bist: Mein Leben ist so leer ohne dich!“ Oder: „Vater, wenn du mich jetzt hörst, ich möchte dich so gerne kennen lernen. Aber ich weiß beim besten Willen nicht, wie. Du scheinst so fern!“

Erste tastende Gebete sind das. Und sie werden sehr wohl von Gott gehört. Auch wenn er vielleicht nicht gleich antwortet, sondern erst der Sehnsucht die Chance gibt, noch stärker zu werden.

Dann wird die Suche stärker, zielgerichteter: Der Suchende beginnt, sich zu bewegen. Er besucht Gottesdienste. Und er hört dort sehr genau hin, ob er mit seiner Suche womöglich hier weiterkommt. Er sucht Menschen, die seine Suche ernst nehmen und ihn darin unterstützen. Er sucht Menschen, die womöglich schon vom Suchen zum Finden gekommen sind, und er fragt sie aus, wie sie das gemacht haben? Vielleicht bittet er sie, mit ihm zu beten und ihn so auf seiner Suche zu unterstützen. Er spürt, dass es ein Finden geben muss. Und seine Sehnsucht nimmt weiter zu.

Sein Leben ändert sich: Die Suche nach Gott füllt sein Leben mehr und mehr aus. Er gibt liebgewordene Dinge und Aktivitäten auf, um mehr Zeit zu haben. Sein Reden mit Gott wird drängender, wuchtiger, sicherer und sehr ehrlich. Manchmal fragt er Gott unter Tränen, warum er sich nicht endlich finden lässt.  Aber noch ist die Zeit nicht da.

Irgendwann beginnt er die Bibel zu lesen. Er will mehr wissen über den Gott, den er sucht. Das treibt ihn an! Vieles ist ihm fremd an diesem Buch, unverständlich oder schlicht langweilig. Anderes aber, das er liest, berührt ihn wie Feuer! Er spürt hinter den Worten der Bibel die Wirklichkeit des Lebendigen Gottes.

Dann geschieht  etwas Neues: Er beginnt und schämt sich für sein Leben. Er schämt sich, dass er so viele Jahre seines Lebens den Lebendigen Gott mit äußerster Kaltschnäuzigkeit behandelt hat, so als wäre er Luft. Immer öfter gibt es dunkle Dinge aus der Vergangenheit, die ihm bewusst werden und die er voller Scham an sich erkennt. Dinge, für die er verantwortlich ist.

Echte, genuine Schulderkenntnis kann man nicht „machen“. Sie ist ein Werk des Heiligen Geistes. Genauer: Sie ist das erste und vornehmste Werk des Heiligen Geistes. Jesus hat einmal gesagt (Joh 16, 8): Wenn der Geist Gottes kommt, wird er die Welt überführen von Sünde und von Gerechtigkeit und vom Gericht. Und das heißt: Hüten wir uns davor, Menschen künstlich Schuldgefühle zu machen! Das führt nirgendwo hin! Wo Menschen in ihrer Suche nach Gott, dem Lebendigen Gott nahekommen, entsteht Schulderkenntnis ganz ohne unser Zutun. Sie wird vom Geist Gottes hervorgerufen. Hier ist ein Beispiel:

Im Kino lief vor ein paar Jahren ein richtig guter Film, der das in großer Tiefe deutlich macht. Der Film trägt den Titel „Flight“, was soviel bedeutet wie „Flug“ oder „Flugreise“. Es geht darin um einen Piloten, der zwar sehr begabt, aber alkoholabhängig ist und sich das nicht eingesteht. Der Film schildert, wie der Pilot rund um seine Alkoholabhängigkeit einen Wall von Lügen aufbaut. Ein Wall von Lügen, der dazu dient, sich selbst und andere über seinen wahren Zustand zu täuschen. Aber es kommt der Tag, es kommt der Augenblick, da hält er es mit all den Lügen in seinem Leben nicht mehr aus. Er hat das Gefühl an all seinen Lügen zu ersticken. Er spürt, dass das Maß voll ist und er keine einzige Lüge mehr verkraften wird. Und da bricht das ganze Lügengebäude zusammen. Und das ist der Punkt, wo der Mann aus der tiefsten Tiefe seines Herzens anfängt nach Gott zu fragen. Und am Ende sitzt er da im Knast mit ein paar Mitgefangenen und dankt Gott, dass der ihn aus dem Irrsinn seines Lebens mit all den Lügen herausgeholt hat. 

Ein bewegender Film mit einer wunderbaren geistlichen Botschaft und einem Denzil Washington in Höchstform ...

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Natürlich geht es im Leben von Menschen nicht immer so dramatisch zu, wie in diesem Film. Klar! Aber: Oft, sehr oft ist es so, dass Menschen einfach nicht mehr zu Recht kommen mit all der Schuld, die sich in ihrem Leben angesammelt hat. Sie spüren, dass ihre Schuld Dunkelheit verströmt in ihrem Leben. Sie spüren, wie diese Dunkelheit zunimmt und sich immer weiter ausbreitet in ihrem Leben. Aber nie wagen sie es, mit anderen darüber zu sprechen. Sie spielen Theater. Aber vielleicht sitzen sie eines Tages in einem Gottesdienst, schauen in die Gesichter der anderen und fragen sich, ob sie sich einem von ihnen wohl anvertrauen könnten. Und sie sind so allein, so unendlich allein mit ihrer Schuld. Und das ist der Punkt, wo Menschen anfangen, nach Jesus zu fragen (zu schreien!) aus der tiefsten Tiefe ihres Herzens!

 

Und wenn´s gut läuft, dann stoßen sie in diesem Augenblick auf Christen, die sich trauen, den Mund aufzumachen. Wenn´s gut läuft, finden sie Christen, die ihnen erklären, dass der Lebendige Gott ihr Problem (!) längst kennt. Und dass er eigens für die Lösung dieses Problems seinen Sohn Jesus, den Retter geschickt hat. Dass dieser an ein Holzkreuz angenagelt wurde auf einem Hügel nahe der Stadt Jerusalem. Und dass dieser Jesus dort  sein Leben gab als Gegenwert für die unermessliche Schuld der Menschen. Wenn´s gut läuft, findet so ein schuldgeplagter Mensch Christen, die ihm die entscheidende Information zukommen lassen, dass Gott mit dem Problem der Schuld in seinem Leben ein für allemal Schluss machen will. Dass dieses Problem wirklich abgehakt sein soll für immer.

Und dann wird es wie ein Aufatmen durch das Leben dieses Menschen gehen. Er wird noch einmal Hoffnung schöpfen. Und es wird dann ein Kampf in ihm beginnen (es ist in der Tat ein Kampf auf Leben und Tod!), ob er seine Schuld wirklich vor Jesus offen legen soll. Scham und Hoffnung werden in ihm miteinander ringen. Das Dunkle in ihm wird sich massiv dagegen wehren, ins Licht Gottes geholt zu werden. Aber wenn´s gut läuft, wird er sich am Ende an Jesus, den Retter wenden, seine Schuld bekennen und erfahren, wie Jesus sein Leben frei macht.

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Und das schauen wir uns jetzt noch etwas näher an. Jesus hat einmal gesagt (Die Bibel, Lukasevangelium 13, 24): Ringt darum, dass ihr durch die enge Pforte hineingeht; denn viele, das sage ich euch, werden danach trachten, wie sie hineinkommen und werden´s  nicht können.

 

Ringt darum ...“, dafür steht im griechischen Text des Neuen Testaments das Wort agonidsete. Davon haben wir das Wort „Agonie“ – Todeskampf. Und Jesus will damit sagen: Ringt wie in Todesangst darum, dass ihr durch diese enge Pforte hindurch kommt, die ins Reich Gottes geht. Denn nur durch Ringen wie im Todeskampf werdet ihr hineinkommen und die Bewältigung eurer Schuld erleben.

 

Durch die enge Pforte des Schuld-Bekennens werden nur diejenigen gehen, die einen brennenden, durch nichts sonst zu löschenden Durst nach Frieden mit Gott haben. Nur sie! – Viele andere stehen an der schmalen Pforte. Viele andere wollen hinein. Viele andere wollen irgendwie hin zu Gott. Viele andere wollen ankommen im Himmel. Aber: Sie wollen die enge Pforte nicht! ...

 

Da sind die, die wurden getauft als Kind. Sie haben sich möglicherweise sogar konfirmieren und kirchlich trauen lassen. Sie sind religiös. Sie sind interessiert. Sie sind keine Atheisten. Sie wollen zu Gott. Sie wollen Sein Reich. Aber: Sie wollen es zu ihren Bedingungen! Und sie wollen die enge Pforte nicht. Die enge Pforte ist ihnen zu eng. Zu hart. Zu fordernd. Zu radikal. Zu streng.

Und so schütteln sie am Ende den Kopf. Und gehen fort. Und lassen die enge Pforte hinter sich zurück. Und sie finden sich wieder auf dem Weg, wo schon viele gehen, die dieselbe Entscheidung getroffen haben wie sie. Es gibt viele, viele Wege, die Menschen in ihrem Leben gehen können. Aber: Wenn die enge Pforte nicht am Anfang steht, dann ist es immer wieder nur der eine selbe breite Weg, den sie gehen. Und darum muss jeder Mensch irgendwann in seinem Leben entscheiden: Welche Bedingungen sollen gelten? Meine Bedingungen oder Gottes Bedingungen? Wer sich für Gottes Bedingungen entscheidet, entscheidet sich für die enge Pforte – und für das Leben. Wer sich für seine eigenen Bedingungen entscheidet, wählt die breite Pforte und das Verderben.

Und jetzt wollen wir sofort fragen: Wie sieht das konkret aus, wenn Menschen sich durch die enge Pforte sich ins Reich Gottes hinein kämpfen?

Die Antwort findet sich ganz am Anfang der Bergpredigt Jesu. In Mt 5, 3 heißt es: Selig sind, die da geistlich arm sind; denn ihrer ist das Himmelreich. -  Wer die Bewältigung seiner Schuld erleben will, der durch die enge Pforte hindurch, der muss arm werden vor Gott. Das ist die Antwort. Er muss bitterarm werden vor Gott. Die enge Pforte macht ihn arm. Der Durchgang durch die enge Pforte macht ihn arm. Wer nicht arm werden will, der kommt nicht hindurch und bleibt ohne Bewältigung seiner Schuld!

Konkret: Das erste, was er loslassen muss, ist die Täuschung über sich selbst. Das geschieht so, dass er die Maßstäbe Gottes, wie er sie in den Zehn Geboten und in der Bergpredigt Jesu findet, über sich gelten lässt. Er liest oder hört die Worte Jesu in der Bergpredigt. Er nimmt sie auf und lässt sie sein Leben beleuchten. Er mildert nichts ab. Er spielt nichts herunter. Er verwässert und verniedlicht nichts. Er lässt die glasharte Wahrheit der Gebote Gottes und der Bergpredigt auf sein Leben prallen. Sie decken sein Leben auf ihm auf. Er spürt,  wie weh das tut. Er erlebt, wie Selbsttäuschung und Illusionen zerbrechen. Er sieht sein Leben, wie es wirklich ist. Ungeschminkt. Er sieht die Sünde, die es kontaminiert. Er erlebt, wie die Wahrheit Gottes ihn verwundet und wie alle mühsam gebastelte  Selbstgerechtigkeit in Stücke geht.

Also: Er  lässt die Worte der Gebote Gottes und der Bergpredigt arbeiten in seinem Leben. Er lässt sie ihre Ent-täuschungsarbeit tun in seinem Leben. Und so wird er arm vor Gott. Nur so wird er bereit für die Gnade und Vergebung, die Jesus Christus für die bereithält, die geistlich arm geworden sind.

Wie sieht das praktisch aus? Es hat sich bewährt, mit den Maßstäben Gottes – so wie die Bergpredigt sie präsentiert – in die Stille zu gehen. Einige Stunden vielleicht, in denen man alle störenden Geräuschquellen einmal abschaltet. Und dann all das auf einem Blatt Papier notiert, was an konkreter Schulderkenntnis da ist. Warum notieren? Weil es hilft, ehrlich zu sein und nichts zu verdrängen. Später kann dann diese konkret erkannte und konkret notierte Schuld vor Jesus bekannt und – sofern das zusammen mit einem Seelsorger in der Ohrenbeichte geschieht – auch die Vergebung im Namen Jesu laut zugesprochen werden. Eine gute und hilfreiche Sache!

Ich empfehle zur Vorbereitung auf das Bekenntnis der Schuld den Beichtspiegel, den Wolfram Kopfermann in seinem Buch „Farbwechsel“ präsentiert. Dieser Beichtspiegel präsentiert die Zehn Gebote im Wortlaut und stellt zu jedem Gebot einige Fragen zur Selbstprüfung, die sehr hilfreich sind. Sie bereiten den einzelnen auf das Bekenntnis seiner Schuld vor.

Der große Prediger und Evangelist Charles Haddon Spurgeon hat einmal gesagt: "Du und deine Sünden müssen getrennt werden, sonst werden du und dein Gott nie zusammenkommen. Nicht eine Sünde darfst du behalten. Sie müssen alle aufgegeben werden. Sie müssen ans Licht gebracht werden ... und in der Sonne aufgehängt."

Also: Jeder Mensch, der nach Bewältigung seiner Schuld sucht, muss seine Sünden ablegen an der engen Pforte. Damit ist der erste Schritt in die Armut vor Gott getan. Aber es müssen weitere folgen! Und auch der nächste Schritt ist schwer: Jeder, der in der Nachfolge Jesu leben will, muss die „Vielen“ verlassen und einsam werden vor Gott. Im Matthäusevangelium 7, 13 heißt es: Die Pforte ist weit, und der Weg ist breit, der zur Verdammnis führt, sagt Jesus, und viele sind´s, die auf ihm hineingehen. Und diese „Vielen“ muss er nun verlassen. Er muss sich von ihnen abwenden und ganz allein den Weg zur engen Pforte gehen. Er muss ein einzelner Mensch werden vor Gott.

Die enge Pforte kennt nur einzelne, die eintreten. Das schreckt viele ab. Das ängstigt sie. Sie wollen nicht aus der Geborgenheit der Masse heraustreten und ein einzelner Mensch werden. Und doch muss es sein! Jeder, der Vergebung seiner Schuld und Frieden mit Gott haben will, muss arm werden an den vielen, die ihn bisher auf ihrem Weg begleitet haben: Die ihm Wärme gaben und Sicherheit.

Und noch ärmer muss er werden: Nicht nur die Vielen lässt  er hinter sich, die weitergehen auf dem breiten Weg. Auch ihren Lebensstil, der bis eben vielleicht auch sein Lebensstil war, legt er nieder an der engen Pforte: Die Jagd nach Liebe und Anerkennung. Die Jagd nach Orden und Auszeichnungen. Die Jagd nach dem Beifall der anderen. Die Jagd nach Macht. Die Jagd nach Luxus und Anschaffungen. Die Jagd nach Macht und Kontrolle über andere. Die Jagd nach dem Platz ganz oben an der Spitze. Die Jagd nach Ehre von Menschen. All dies, was ihm bisher vielleicht sehr viel bedeutet hat: Er legt es alles ab.

Und dann, wenn gar nichts mehr da ist, wenn er nur noch allein dasteht mit leeren Händen. Dann geht er in die letzte Tiefe der Armut und legt sein eigenes Ich vor Jesus nieder.  Er vollzieht eine „Lebensübergabe an Jesus“. Sein Ich: Selbstsüchtig und empfindlich. Trotzig und verzagt. Gierig und stolz. Launisch und feige. Er legt es nieder. Und dann, dann erst ist er arm genug geworden vor Gott, dass er sich hindurch kämpfen kann durch die enge Pforte.

Jesus hat einmal gesagt: (Lk 14, 26 – 27): Wenn jemand zu mir kommt und hasst nicht seinen Vater, Mutter, Frau Kinder, Brüder, Schwestern und dazu sich selbst, der kann nicht mein Jünger sein ...

Und der Apostel Paulus schreibt, wie zur Bestätigung (Phil 3, 7 – 8): Alles, was mir früher Gewinn war, das habe ich um Christi willen für Schaden erachtet. Ja, ich erachte es noch alles für Schaden gegenüber der überschwänglichen Erkenntnis Jesu Christi, meines Herrn. Um seinetwillen ist mir das alles ein Schaden geworden, und ich erachte es für Dreck, damit ich Christus gewinne.

Wir müssen arm werden vor Gott. Sonst kommen wir nicht durch, durch die enge Pforte. Niemand kann sich das Reich Gottes verdienen. Es ist reine Gnade, wenn wir hineinkommen. Aber: Wir haben es in der Hand, uns vom Reich Gottes auszuschließen. Und das ist dann der Fall, wenn wir nicht bis in die Tiefe der Armut gehen wollen vor Gott.

Jeder, der als Seelsorger Menschen bei der Bewältigung ihrer Schuld begleitet und ihnen assistiert, steht vor einer heiklen Aufgabe: Einerseits wünscht er nichts mehr, als dass sein Gegenüber seine Schuld vor Jesus bekennt und sie so bewältigt werden kann. Er möchte „schieben und ziehn“, wie es der Liedermacher Manfred Siebald einmal in einem seiner Lieder ausgedrückt hat. Andererseits weiß er, dass echte Schulderkenntnis und ein aufrichtiges Schulbekenntnis ein Werk des Heiligen Geistes sind. Er darf also nicht zu sehr „schieben und ziehn“, sondern muss dem Wirken des Geistes Gottes Raum geben.

Quelle:  pixabay
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Es hat sich darum bewährt, diejenigen, die signalisieren, dass sie reinen Tisch machen wollen vor Gott, zunächst zu bitten alle erkannte Schuld zu Hause in aller Ruhe auf einem Blatt Papier zu notieren und nichts dabei auszulassen, egal, wie peinlich es ihnen vorkommen mag. Wenn es dann in der seelsorgerlichen Begegnung zum Bekenntnis der Schuld kommt, kann der Ratsuchende einfach seinen Zettel vorlesen.

 

Konkret läuft das folgendermaßen ab: Der Seelsorger fragt den Ratsuchenden, ob er bereit ist, die Sünden, die ihm bewusst geworden sind, Punkt für Punkt durchzusprechen. Warum das? Der Grund ist ein einfacher: Viele Menschen neigen zu „wolkiger“ Ausdrucksweise, wenn es um ihre Sünden geht. Das ist menschlich sehr verständlich. Für das Bekenntnis der Schuld ist es aber gut, wenn konkrete Sünden immer auch konkret bekannt werden. Oft werden die Namen anderer Menschen dabei eine Rolle spielen, an denen gesündigt wurde.

Der Seelsorger wird nun beim Durchsprechen der Sünden darauf achten, ob an bestimmten Punkten eine Wiedergutmachung von angerichtetem Unrecht nötig sein könnte. Ausgestreute Lügen über einen Menschen müssen vor demjenigen zurückgenommen, den sie betreffen. Das heißt: Der Ratsuchende muss bereit sein, zu Menschen, über die er Unwahres in die Welt gesetzt hat, hinzugehen, sein Unrecht offenzulegen  und um Verzeihung zu bitten. Das können sehr schwere, demütigende Gänge sein. Aber sie müssen gegangen werden. Es sind Gänge, die den Stolz, den jeder Mensch in sich trägt, tödlich treffen. Manchmal – wenn es um Unterschlagung oder Diebstahl geht, müssen gestohlene Dinge wiedergegeben oder Geld zurückerstattet werden.  Dann kann es ratsam sein, vorher den Rat eines Juristen einzuholen. Manchmal kommen im Gespräch auch falsche Schuldgefühle zutage, hinter denen nicht wirklich echte Schuld steht. Die können dann von der Liste gestrichen werden.

Ist alles geklärt, eröffnet der Seelsorger das Bekenntnis der Schuld mit einem Gebet, in dem Jesus für seine Gegenwart dankt. Er dankt dafür, dass Jesus jetzt auch diese konkrete Bekenntnis der Schuld hören wird. Und er dankt dafür, dass Jesus sein Leben auch für die nun zu bekennenden Sünden gegeben hat.

Danach bittet der Seelsorger den Ratsuchenden, seinen Zettel vorzulesen und nichts dabei auszulassen. Oft dauert es eine ganze Weile, bis der ratsuchende sich überwindet und wirklich seinen Sünden vor Jesus nennt. Der Seelsorger spürt den inneren Kampf, den ein Mensch an dieser Stelle durchmacht, und er ist gut beraten, diesen Kampf nicht zu unterbrechen oder zu kommentieren. Er muss die Stille aushalten, bis der Ratsuchende bereit ist und seinen Zettel vorliest.

Der Seelsorger wird das Bekenntnis des Ratsuchenden möglichst nicht unterbrechen, sondern es still anhören. Ist der Ratsuchende am Ende seines Zettels angekommen, wird er dies dem Seelsorger signalisieren. Der Seelsorger wird er den Ratsuchenden daraufhin fragen, ob es weitere Sünden zu bekennen gibt. Warum nun dieses? Die Erfahrung zeigt, dass Menschen die Sünden, für die sie sich besonders schämen, erst dann nennen, wenn es gar nicht anders geht und der Seelsorger ihn konkret fragt, ob es noch weitere Sünden zu bekennen gäbe. Der Seelsorger wird  auch diese Sünden in Ruhe anhören. Er ist dabei immer nur Zeuge. Der eigentliche Adressat ist Jesus selbst.

Schließlich, wenn alle Schuld bekannt worden ist, spricht der Seelsorger dem ratsuchenden die Vergebung seiner Schuld zu. Der nennt dazu ausdrücklich den Namen des Ratsuchenden Er kann das zum Beispiel mit diesen Worten tun: „Ich sage Dir“, - hier wird jetzt der Name des Ratsuchenden genannt – „im Namen und im Auftrag Jesu Christi: Dir sind Deine Sünden vergeben. Niemand wird Dich mehr dafür anklagen können: In Zeit nicht und in Ewigkeit nicht! Jesus Christus hat Dich frei gemacht und Du bist frei!“

In aller Regel wird nun ein tiefes, befreites Aufatmen durch die Seele des Ratsuchenden gehen. Der Seelsorger bittet nun den Ratsuchenden, Jesus mit einigen Worten zu danken. Das ist wichtig, denn es zeigt, dass der Ratsuchende die Vergebung wirklich angenommen hat. Wenn nötig kann der Seelsorger dem Ratsuchenden diese Worte auch vorsprechen: „Jesus, Sohn Gottes und mein Retter, ich danke Dir, dass Du mir alle meine Sünden vergeben hast. Du hast mich frei gemacht. Ich danke Dir!“

Anschließend kann eine Segnung des Ratsuchenden unter Handauflegung erfolgen. Das heißt: Der Seelsorger erhebt sich, legt dem Ratsuchenden die Hände auf Kopf oder Schultern und segnet ihn im Namen Jesu für seinen weiteren Weg in der Nachfolge Jesu. Die Segnungsworte können ein Vers aus der Bibel oder frei formulierte Worte oder eine Kombination aus beidem sein.

Mit der Segnung ist das Bekenntnis der Schuld abgeschlossen. Der Seelsorger sollte sich jetzt den „Sünden-Zettel“ des Ratsuchenden geben lassen, ihn vor dessen Augen zerreißen und in den Papierkorb werfen. Es soll sinnenfällig werden, dass diese Sünden wirklich ein für allemal erledigt sind.

Quelle:  pixabay
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Für den Ratsuchenden wird die so erfolgte Bewältigung seiner Schuld eine einzigartige Erfahrung der Befreiung sein, die enorme Kräfte und Freude für das nun folgende Leben in der Nachfolge Jesu freisetzt. Jesus ist für die ganze Schuld seines ganzen Lebens eingestanden. Er nahm seinen Platz ein. Stellvertretend. Und er hat für alles längst bezahlt.

 

Ein Ereignis aus dem amerikanischen Bürgerkrieg zwischen Nord- und Südstaaten führt das deutlich vor Augen: Da wurde eine Gruppe von Freischärlern von Soldaten der Union gefangen genommen und inhaftiert. Weil es sich ausnahmslos um Guerillakämpfer ohne Uniform handelte, verurteilte man sie alle zum Tode.

Unmittelbar bevor man die Unglücklichen zur Exekution führte, berührte ein junger Soldat der Unionisten schüchtern den verantwortlichen Offizier am Arm und sagte: „Würden Sie mir wohl gestatten, den Platz von einem der Männer einzunehmen, die Sie gerade zum Tode verurteilt haben? Ich kenne diesen Mann gut. Er hat eine große Familie, die ihn sehr, sehr nötig braucht. Meine Eltern dagegen sind schon gestorben. Ich bin nicht verheiratet, und ich habe nur wenige Freunde. Kaum jemand wird mich vermissen. Bitte, lassen Sie mich für diesen Mann die Strafe tragen.“ Der Offizier zögerte. Aber dann gab er doch seine Zustimmung. Er zog den Ehemann und Familienvater aus der Reihe der Verurteilten, und der junge Soldat nahm ruhig dessen Platz ein. Dann fielen rasch die tödlichen Schüsse. – Auf dem Stein, der sein Grab markiert, stehen diese Worte: „Zur Erinnerung an Willy Lear. Er nahm meinen Platz ein.“


Quelle: (c) Rudolf Möckel
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Ich kenne meinen Gesprächspartner schon einige Monate. Schon öfter in der Vergangenheit war er bei mir im Arbeitszimmer zum Gespräch. Heute wirkt der schlaksige junge Mann niedergeschlagen und in sich gekehrt.

„Worüber sollen wir heute sprechen?“, frage ich ihn einleitend. „Was bewegt Sie heute in besonderer Weise?“

Mein Besucher schaut mich aus seinen grauen Augen aufmerksam an. „Ich hab´ Angst vor dem Tod!“, sagt er leise.

In meinem Kopf rattert es: Wie kommt ein so junger Mensch ausgerechnet auf dieses Thema? Das ist eher untypisch!

„Gibt´s einen besonderen Anlass für diese Angst?“, frage ich vorsichtig.

Er schüttelt den Kopf. „Nein, kein besonderer Anlass! Ich schlage mich mit dieser Angst schon seit Monaten herum. Hatte bisher nur nie den Mut, mal mit jemandem drüber zu reden.“

“Können Sie sagen, wann dieser Angst besonders deutlich auftritt?“, frage ich weiter.

„Naja, sie so leise mit durch den ganzen Tag“, antwortet er. „Besonders schlimm ist es abends. Ich habe Angst einzuschlafen und nicht wieder aufzuwachen. Mein Herz schlägt dann oft ganz schnell. Irgendwann schlafe ich natürlich trotzdem ein ...“

Ich nicke. „Verstehe. – Darf ich Sie noch etwas fragen? – Wovor haben Sie mehr Angst: Vor dem Prozess des Sterbens oder vor dem Tot-Sein an sich?“

Er schaut mich an: „Vor dem Tot-Sein an sich.“

Ich bin überrascht. Die meisten Menschen fürchten sich  vor Schmerzen, Luft-Not oder allgemeiner Hilflosigkeit im Prozess des Sterbens. Das Tot-Sein bereitet ihnen eher nicht so viel Kopfzerbrechen. Bei diesem jungen Mann scheint das aber anders zu sein ...

„Können Sie mir ein bisschen mehr erzählen?“, frage ich, „damit ich Sie besser verstehen kann?“

Der junge Mann nickt. „Ich habe panische Angst davor, dass es mich einfach nicht mehr gibt“, sagt er „Ich meine, es ist schon unheimlich genug, dass Jahrtausende ins Land gegangen sind, ohne dass ich dabei war. Aber jetzt bin ich da! Und die Vorstellung, es könnte wieder Jahrtausende ins Land gehen und ich bin nicht mehr dabei, die macht mir Angst. Das ist unheimlich!“

„Ok“, sage ich, „das kann ich gut nachvollziehen. Aber jetzt mal ehrlich: Wenn Sie tot sind, dann kriegen Sie doch eh´ nicht mehr mit, ob Jahrtausende vergehen! Bitte verstehen Sie mich jetzt nicht falsch: Ich persönlich bin überzeugt, dass mit dem leiblichen Tod keineswegs alles aus ist. Aber ich lasse mich jetzt mal ganz auf Ihr Denken ein: Für Sie ist mit dem Tod alles aus. Warum macht es Ihnen dann solche Probleme, dass Sie dann nicht mehr dabei sind? Ich meine: Ist es denn beim nächtlichen Schlaf nicht auch so, dass Sie schlafen und gar nichts davon mitbekommen? Das ist doch auch nicht schlimm, oder? Der nächtliche Schlaf ist doch auch so ein bisschen wie tot sein. Oder?“

„Es macht mir Probleme, nicht mehr dabei zu sein, weil ich es jetzt fühle!, antwortet mein Gegenüber. Jetzt weiß ich, dass ich dann  nicht mehr dabei sein werde. Tot. Ausgelöscht. Over. Dieser Gedanke treibt mich schier in den Wahnsinn!“

„Ich beginne zu verstehen!“, sage ich. „Ich beginne zu verstehen, wo Ihr Problem liegt. Ich schlage Ihnen mal etwas vor: Wir reden jetzt erstmal darüber, was man vom naturwissenschaftlichen Standpunkt über den Tod und ein mögliches Leben danach  sagen kann. Danach sehen wir dann weiter. Einverstanden?“

„Einverstanden“, nickt mein Besucher.

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„Darf ich Sie etwas fragen?“, steige ich in den Gang unseres Gespräches ein.

 

„Sehr gern!“, antwortet der junge Mann.

„Haben Sie schon mal den Namen >Sir John Eccles< gehört? Mein Besucher schüttelt den Kopf.

„Sir John Eccles ist ein bekannter Neurophysiologe. Für seine Forschungen am menschlichen Gehirn bekam er vor ein paar Jahren den Nobelpreis. Er hat sich lange mit dem menschlichen Gehirn befasst und ein Buch über die Ergebnisse seiner Forschungen geschrieben. Das Buch trägt den Titel: >Das Ich und sein Gehirn.< Interessantes Buch übrigens. In diesem Buch nun gebraucht er ein Bild: Er vergleicht das menschliche Gehirn mit einem großen Konzertflügel. Vor diesem Konzertflügel sitzt der Pianist und spielt. Und so entsteht eine schöne Musik.

Mein Besucher schaut mich an. „Und nun?

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„Und nun kommt das Entscheidende. Eccles sagt sinngemäß: Sehr viele Vorgänge im menschlichen Gehirn lassen sich zufriedenstellend durch neurophysiologische Denkmodelle erklären. Aber: Die Impulse, die dem Gehirn die Richtung vorgeben, in der es arbeiten soll, die kommen nicht aus dem Gehirn selbst. Die kommen von einer Instanz, die nicht im Gehirn selbst liegt, also - im Bild gesprochen – von dem Pianisten, der vor dem Konzertflügel sitzt und die Tasten drückt. Eccles sagt also: Das Gehirn ist wie eine Maschine. Aber die Instanz, die ihm seine Befehle gibt, die liegt nicht innerhalb des Gehirns. Die kriegt man naturwissenschaftlich gar nicht zu fassen. Die ist nicht-materiell. Eccles nennt diese Instanz das >Ich<, also den Geist bzw. die Seele des Menschen.“

Mein Gegenüber reißt die Augen auf: „Interessant!“, sagt er.

„Ja, und damit können wir nun aus den naturwissenschaftlichen Erkenntnissen von Sir John Eccles eine vorsichtige Schlussfolgerung ziehen: Es scheint so zu sein, dass jeder Mensch aus einem materiellen und einem nicht-materiellen Anteil zusammengesetzt ist.  Der Materielle Teil ist sein Körper. Der nicht-materielle Teil ist sein Geist bzw. seine Seele. Der materielle Teil des Menschen vergeht nach seinem leiblichen Tod. Der nicht-materielle Teil aber ist von diesem Tod nicht betroffen. Er existiert weiter. Und das heißt nun wiederum: Es spricht – gerade vom naturwissenschaftlichen Standpunkt aus gesehen – in der Tat einiges dafür, dass beim Sterben der materielle Teil des Menschen vergeht. Er selbst, sein >Ich< existiert weiter. Und das deutet nun in der Tat auf ein Leben nach dem Tod hin.“

„Wow“, sagt mein Besucher. „Davon höre ich heute zum ersten Mal in dieser Weise. Kann man Eccles´ Buch kaufen?“

„Man kann!“, sage ich.

Es kehrt ein kurzes Schweigen ein. Ich merke, wie es in dem jungen Mann arbeitet.

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„Sind Sie bereit, noch einen Schritt weiter zu gehen?“, frage ich nach einer Weile.

 

Mein Gegenüber nickt heftig. „Gerne. Wie geht´s weiter?“

„Ich würde jetzt gern mit Ihnen einen Blick auf die sogenannten >Nah-Tod-Erfahrungen< werfen. Haben Sie davon schon gehört?“

Mein Gesprächspartner schaltet sich ein: „Da geht es doch um Menschen, die dem Tod sehr nahekommen, dann ihren Körper verlassen, sich selbst liegen sehen und die Ärzte beobachten, die sich um ihren Körper bemühen. Die sich dann durch eine Art Tunnel bewegen und an dessen ein Art helles Lichtwesen sehen. Ich glaube, die allermeisten wollen sehr gern zu diesem Licht hin, bemerken aber, dass sie dazu eine Grenze überschreiten müssen, hinter der es keine Rückkehr mehr gibt. Sie kehren – oft widerstrebend – um, gelangen irgendwie in ihren Körper zurück und leben weiter. Hinterher haben sie oft Probleme damit, für ihre Erfahrung die passenden Worte zu finden.“

„Ja, genau“, sage ich. „Das fasst die Erfahrungsberichte der Betroffenen ganz gut zusammen. Nun folgendes: Die Sterbeforscher heute sind sich nicht ganz einig, ob diese >Nah-Tod-Erfahrungen< echte Erfahrungen sind oder auf ein Programm im menschlichen Gehirn hinweisen, das abläuft, um die Menschen auf den Tod und das Leben danach vorzubereiten. Ich selbst wäre an dieser Stelle auch mit festen Deutungen vorsichtig. Eines aber, denke ich, kann man mit einiger Sicherheit sagen: Die >nah-Tod-Erfahrungen< weisen mit einiger Sicherheit darauf hin, dass jeder Mensch – also auch  Sie – aus einem materiellen und einem nicht-materiellen Anteil besteht. Und diese beiden Teile können sich unter bestimmten Umständen – zum Beispiel in Todesnähe – trennen. Derr materielle Teil bleibt dann zurück, der nicht-materielle Anteil (also die Person, dass >Ich<, die Seele, der Geist) existiert weiter. Und damit scheint mir klar zu sein: Auch die Erkenntnisse der modernen Sterbeforschung legen nahe, dass es in der Tat ein Leben nach dem Tod gibt.  Das heißt: Ihre Sorge, mit Ihrem leiblichen Tod könne alles aus sein, ist vom naturwissenschaftlichen Standpunkt betrachtet, eher unbegründet. Was – meinen Sie dazu?“

Mein Besucher holt tief Luft. Das muss ich erstmal verdauen!“, sagt er. „Das war ja ganz schön viel auf einmal!“

„Stimmt!“, sage ich. „Und wir könnten jetzt sogar noch einen Schritt in die Tiefe tun. Wollen Sie?“

„Wie würde dieser Schritt aussehen?“

„Zunächst eine einfache Überlegung: Die Menschen, die über eine >Nah-Tod-Erfahrung< berichteten, kamen dem Tod in der Tat sehr nahe. Allerdings überquerte keiner von ihnen die Todesgrenze wirklich. Sonst hätten sie ja auch nicht mehr zurückkehren und von ihren Erfahrungen berichten können. Nun wäre es doch aber interessant, mal einen Menschen zu hören, der wirklich jenseits der Todesgrenze war und zurückkam und darüber sprach ...

Mein Gegenüber sieht mich völlig perplex an. „Ja, das wäre sehr interessant! Aber so einen Menschen gibt es natürlich nicht!“

Ich sehe ihn an. „Sind Sie sicher?“

Hinter der Stirn meines Besuchers arbeitet es. „Nein, ich wüsste wirklich niemanden ...“ sagt er ratlos.

„Ganz sicher?“ – Stille.  Noch mehr Stille

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Mein Besucher sieht unsicher auf: „Jesus?“, fragt er sehr leise.

„Genau!“, sage ich. „Jesus ist die einzige mir bekannte Person, die wirklich jenseits der Todesgrenze war und  zurückkam und darüber sprach. Es wäre doch interessant zu erfahren, was er über den Tod und das Leben danach zu sagen hatte, oder?“

Der junge Mann verzieht amüsiert das Gesicht. „Sind das denn nicht alles Märchen, diese >Berichte< über die Auferstehung Jesu? Darauf kann man nicht bauen ...!“

„Meinen Sie?“  Ich halte dagegen! Aber egal, was ich meine: Man kann herausfinden, was es mit den Ereignissen um Tod und Auferstehung Jesu auf sich hat. Man kann herausfinden, wie belastbar und wie verlässlich diese Berichte sind. Sollen wir einen Blick darauf werfen?“

Mein Gegenüber stößt spöttisch Luft durch die Nase aus. „Warum nicht?“, sagt er. „Warum nicht?!“

„Gut, also, überlegen wir mal: Mit welcher Botschaft haben sich denn die ersten Christen damals drei Tage nach dem Tod von Jesus in die Öffentlichkeit gewagt? Es war die Botschaft: Jesus lebt! Er ist der Todesüberwinder! Das – war die Botschaft, mit der die Christen zu den Menschen gegangen sind. Und wie haben die Menschen auf diese Botschaft reagiert? Mit Offenheit? Mit Vertrauen? Oh nein! Sie reagierten mit tiefer Skepsis, mit gereizter Ablehnung und mit spöttischem Lachen. Denn: Die Menschen damals, die trugen alle die tiefe Überzeugung in sich, die auch heute die meisten Menschen in sich tragen: Die Überzeugung, dass mit dem Tod alles aus ist.

Und dennoch haben die Christen genau diese Botschaft überall weiterverbreitet: Jesus - Todesüberwinder. Sie gaben nicht auf! Sie änderten ihre Botschaft nicht! Sie wurden nicht mutlos! Sie wurden nicht kleinlaut! Sie verschwanden nicht irgendwann sang- und klanglos in der Versenkung! Oh nein! Und natürlich stellt sich die Frage: Warum verschwanden sie das nicht? Warum gaben sie nicht auf? Warum?

Es gibt nur eine mögliche Erklärung: Sie müssen einen guten Grund dazu gehabt haben! Sonst hätten sie damals auf keinen Fall durchgehalten! Und dieser gute Grund ist der, dass sie Jesus eben wirklich gesehen hatten nach seiner Auferstehung. Dass sie ihn wirklich berührt, wirklich mit ihm gesprochen, wirklich mit ihm gegessen und – wirklich sein leeres Grab gesehen hatten. Das - war der gute Grund dafür, dass sie mit der Botschaft „Jesus - Todesüberwinder“ losgingen und sie nicht änderten, auch als die zunächst mal überall auf Ablehnung stieß. Die Erfahrung, dass Jesus wirklich den Tod überwunden hatte, machte sie so stark und so widerstandsfähig, dass sie aller Ablehnung, allem Spott, aller Häme mutig die Stirn boten und nicht einknickten. Selbst, als die ersten von ihnen verhaftet und hingerichtet wurden, blieben sie dabei. Blieben dabei über Generationen von Christen - bis heute.“

„Na gut,“, wendet mein Besucher ein, „aber ich habe mal gehört, dass Jesus damals gar nicht wirklich tot gewesen sein soll. Nur schwerverletzt. Und die Jünger haben dann erst die Geschichte mit der Auferstehung daraus gemacht!

„Ja, stimmt, diese Theorie gibt es! Ein Mann namens Venturini hat sie Anfang des 19. Jahrhunderts entworfen. Und es lohnt, sich ein bisschen genauer mit ihr zu geschäftigen: Wenn Venturinis Theorie stimmen sollte, hätte Jesus nicht nur den massiven Blutverlust durch die Geißelung, die Nägelwunden und den Speerstich in seiner Seite überleben müssen. Er hätte auch mehr als 40 Stunden in den eng um ihn gewickelten Leinentüchern verharren müssen, und das - ohne Nahrung oder Flüssigkeit zu sich zu nehmen. In diesem extrem geschwächten Zustand hätte er sich dann aus den vernähten und verklebten Leinentüchern befreien, den sehr schweren Rollstein wegbewegen, die römischen Wachen täuschen, sich unbemerkt entfernen und dann auch noch die Jünger überzeugen müssen, er sei von den Toten auferstanden. Er hätte dann die Kraft entwickeln müssen, als Schwerstverletzter endlose Kilometer aus dem Süden in den Norden des Landes Israel zurückzulegen, um dort seinen Jüngern über einen Zeitraum von 40 Tagen zu erscheinen. Er hätte dabei vortäuschen müssen, er könne durch verschlossene Türen gehen und wäre am Ende gezwungen gewesen, vor den Augen der Jünger eine gefälschte Himmelfahrt zu inszenieren. Ist das glaubhaft? Ich kann das nicht finden! Die  Schwächen von Venturinis Theorie sind offensichtlich, finde ich.“

Mein Besucher ist nachdenklich geworden. „So habe ich das noch nie gesehen“, sagt er. „Mit wem soll man auch über sowas reden ...“

„Das stimmt!“, sagte ich. „Mit wem schon sollte man über diese Dinge reden? Ach übrigens: Wollen Sie noch wissen, was Jesus über den Tod und das Leben danach gesagt hat, nur so übern Daumen?“

„Was hat er denn gesagt - >so übern Daumen<?“

„Er hat sinngemäß gesagt, dass der leibliche Tod für keinen Menschen das Ende ist. Und Er hat gesagt, dass Gott uns nach unserm Tod fragen wird, ob´s Platz für Ihn in unserm irdischen Leben gab oder nicht. Und danach entscheidet sich dann, wie´s weitergeht für jeden einzelnen. -  Ok, das war jetzt alles ganz schön viel. Lassen Sie sich das, was wir heute besprochen haben, in Ruhe durch den Kopf gehen. Wir können auch jederzeit das Gespräch von heute vertiefen, Ihre Fragen klären und gemeinsam tiefer graben. Sie müssen sich nur melden. Ich bin gern für Sie da.

Aber jetzt – unsere Stunde ist gleich ´rum - nochmal zurück zu dem Anlass unseres Gesprächs: Ihrer Angst vor dem Tod. Ich hätte da eine Bitte: Bitte sprechen Sie mit Jesus über Ihre Angst vor dem Tod. Ich meine: Jesus ist ja da. Er lebt ja heute, auch wenn wir ihn mit unseren leiblichen Augen nicht sehen können. Noch nicht. Also: Er ist da. Und darum: Wenn Sie können und wollen, sprechen Sie Ihn an, sagen Sie seinen Namen: >Jesus<. Und sprechen Sie mit Ihm über Ihre Angst vor dem Tod. Seien Sie einfach sehr ehrlich dabei. Öffnen Sie Ihm einfach Ihr Herz und vertrauen Sie Ihm alles an, was Sie quält. Bitten Sie Ihn, Ihnen zu zeigen, wie es für Sie weitergehen kann. Bitten Sie Ihn auch darum, dass Sie Erfahrungen mit Ihm machen und Ihn besser kennen lernen. Er wird reagieren. Ich geb´ Ihnen Brief und Siegel darauf.“

Mein Besucher erhebt sich zögernd. „Das war ein ungewöhnliches Gespräch heute!“, sagt er. „Danke! Es hat mir weitergeholfen. Ich möchte mit Ihnen weiter über dies Thema sprechen. Ich melde mich wegen eines Termins ...“